Seriencheck (122)

Diesmal mit einem eher gut überschaubarem Programm. Denn obwohl die Serien weiterhin allerorten rundum Amazonien, Netflixhausen und sonstwo sprudeln, finde ich ehrlich gesagt immer weniger, was mich wirklich interessiert. Vor allem die Comedysparte bereitet mir ernsthaft Sorgen, zumal die traditionellen TV-Sender hier kaum noch etwas aufbieten. Weshalb wiederum dieser Seriencheck fast komplett ohne Komödieninhalte auskommen muss.

GANGS OF LONDON (SEASON 1)

  

London. Neuzeit. Der mächtige Unterweltboss Finn Wallace (Colm Meaney, Star Trek: Next Generation) stirbt eines unnatürlichen, weil kugelhaltigen Todes. Was zu schweren Verwerfungen unter den High Class-Kriminellen und dem führenden Wallace-Dumani-Clan führt. Allianzen bröckeln, Kooperationen werden in Frage gestellt, der Mörder überall vermutet. Mittendrin ermittelt verdeckt der gebrochene Held Elliot Finch (Sope Dirisu, Humans). Basierend auf einem Playstation Portable-Spiel(?) aus dem Jahr 2006 und inszeniert von Gareth Evans und Matt Flannery, den Meistern hinter den schmerzhaft spektakulären Klopperfilmen "The Raid" und "The Raid 2".

Freunde des glatten Kniescheibenbruchs und der in Kurven verlaufenden Ellenbogenfraktur, hier ist eure Serie! Das Ding haut rein, die Kamera hält drauf, die Action platzt aus allen zuvor mühsam in die Haut eingetackterten Nähten. Jede der ersten fünf Episoden wartet mit mindestens einer formidablen Szene für hartgesottene Freunde der filmisch eingefangenen Körperverletzung auf, seien es Schlägereien, Ballereien oder andere unangenehme Waffeneinsätze wie etwa später das nigerianische Großhackmesser. Als Zuschauer war ich davon durchaus angetan, denn wer mag in diesen sorgenvollen Zeiten nicht mal das Hirn abschalten und ein bisserl wuchtigen Rummswumms in sein Herz lassen? Nebenbei läuft eine solide Mafiastory um Verrat, Täuschung und Verstrickung, welche die Grundlage für die Keilereien bildet. Der Cast u.a. mit Michelle Fairley ("Game Of Thrones"), Lucian Msamati ("Game Of Thrones") oder Joe Cole ("Peaky Blinders") schließlich liefert eine ordentliche Leistung, ist aber eben nicht der Star der Veranstaltung.

Also absolute Guckempfehlung für Leute, denen der letzte Rambo gute 80 Laufzeitminuten zu wenig Action und Brutalitäten hatte? Jau. Aber: Das Finale in Episode 9 ist leider in Sachen Story ein Blattschuss mit der Flak in den Ofen. Zu trashig, zu sehr auf "Harhar, damit habt ihr nicht gerechnet, oder?"-Momente gebürstet und einfach nicht sauber über die Ziellinie gebracht. Ich jedenfalls hatte einige Male den berühmten Bernhard Hoëcker-Satz "Wieso das denn?" auf der Zunge und am Ende die 4,0-Wertungskarte in der Hand. Was der Serie schlussendlich den Sprung in die Kategorie "sehr gut" verwehrte.

GESAMTWERTUNG: 5,25 PUNKTE (gut)     

RAISED BY WOLVES (SEASON 1)

 
Ridley Scott hat wieder ein SciFi-Projekt in Angriff genommen und führt in zwei Episoden (sein Sohn Luke in deren drei) der Serie "Raised By Wolves" Regie. Die Prämisse ist rasch als griffiger Titel einer Doktorarbeit formuliert: 

Atheistische Kindererziehung mittels Androiden auf dem Planeten Kepler-22b im Konflikt mit stark monotheistisch geprägten Sonnenadoranten unter Berücksichtigung der lokalen Fauna und Flora (mit einem kritischen Vorwort zum Thema: Maschinen-Mode - Sind graue Latexanzüge im 22. Jahrhundert noch verantwortbar?)  

Oder: Erde mal wieder im Eimer, diesmal wegen Religion, zwei Androiden (die sich gegenseitig Mutter und Vater nennen) landen auf oben erwähntem Planeten und tauen ein paar Kinder auf, um fortan eine Zivilisation ohne Glaubenseinflüsse aufzubauen. Die Gegenpartei, ebenso von der Erde geflohen, setzt mehr auf Sol, den Sonnengott der antiken römischen Mythologie (und erinnert mich nebenbei so sehr an den "Praise the Sun"-Ritter Solaire aus dem Videospiel "Dark Souls"). Jedenfalls landet auch diese dort, was zur Entstehung von beträchtlichen Spannungen führt.

Man kann wohlig wärmende Versatzspuren aus "Alien" und "Prometheus" in den Bildern und Inszenierung spüren, besonders loben möchte ich aber die Darstellerriege und zwar vor allem die mir bisher unbekannten Amanda Collin und Abukar Salim als Androidenerziehungsberechtigte. Beide tragen sowohl das Gerüst der Serie als auch seltsam wirkende Kleidung und haben mich als Zuschauer dabei stets fasziniert und in ihren Bann gezogen. Auch die Kinderschauspieler gilt es hervorzuheben, hier ragt Winta McGrath mit seiner schon in jungen Jahren beachtlichen Präsenz heraus. Demgegenüber fällt das einzig mir direkt bekannte Gesicht, Travis Fimmel ("Vikings") fast durchgehend ab.

Die Story startet fulminant, verzettelt sich dann in ein paar Wiederholungen, bringt aber stets interessante Wendungen mit sich. Die computergenierten Bilder hingegen sind dabei jedoch nicht immer state of the art, was leider im ansonsten sehr guten Finale voll durchbricht. Dennoch: aus meiner Sicht eine gelungene SciFi-Show, deren Fortsetzung ich mit Spannung erwarte. #teamvaterundmutter #tellmeajokefather

GESAMTWERTUNG: 5,30 PUNKTE (gut)  

LOVECRAFT COUNTRY (SEASON 1)


Amerika in den 1950ern, im tiefsten Zeitalter der Jim Crow-Gesetze zur Rassentrennung. Atticus Turner (Jonathan Majors), ein junger von Science Fiction und Fantasy begeisterter Afroamerikaner, kehrt nach dem Krieg zurück in seine Heimatstadt Chicago, als er einen Brief seines entfremdeten Vaters Montrose (Michael Kenneth Williams, "Boardwalk Empire", "The Wire") findet. Gemeinsam mit seinem Onkel und seiner Cousine begibt er sich auf Spurensuche, die ihn zu einem weißen Magie-Kult führen soll. Nach der Dark Fantasy Horror Novelle gleichen Namens von Matt Ruff.

Der letzte Satz macht deutlich, dass es sich nicht um eine Lovecraft-Verfilmung handelt. Matt Ruff verknüpft hier vielmehr Elemente Lovecraftscher Erzählung mit dem systemischen Rassismus in den USA. "Lovecraft Country" bietet dabei wirklich die aktuelle Wundertüte der Serienlandschaft auf, denn jede der zehn Episoden ist anders und damit einzigartig, beschäftigt sich mit anderen Horrorszenarien und Themen. Spontan fallen mir ein: Monsterangriffe, Zeitreisen, Abenteuer à la Indiana Jones, Rassismusdrama, alternative Welten, Magie, Body Horror, Okkultismus, Körperwechsel, Geistergeschichte und asiatische Monstermythologie. Als HBO-Produktion geht es zudem in Sachen Gewaltdarstellung und Freizügigkeit eher offenherzig zu.

Ein Fest also für Nerds und Geeks, dessen Fülle aber auch durchaus überfordern kann. So hatte ich im wöchentlichen Schaurhythmus meine Probleme, alle Verbindungen wieder auf die Reihe zu bekommen. Letztlich stachen für mich der Pilot und die Zeitreisenfolge "Rewind 1921" hervor, der Rest waren stabil gute Ausgaben, einmal nur zückte ich das "befriedigend"-Kärtchen (da hat mich die Episode "I Am." dezent überfordert).

GESAMTWERTUNG: 5,15 PUNKTE (gut)    

FARGO (SEASON 4)

  

Für mich freudig überraschend, spülte es tatsächlich eine neue Staffel von "Fargo" auf meine Guckliste. Diesmal befinden wir uns in Kansas City, Missouri im Jahr 1950. Zwei konkurrierende Mafia-Clans streiten um die Vorherrschaft und bekriegen sich offen und verdeckt: Hier die italienischstämmige Familie Fadda mit Anführer Josto (Jason Schwartzman, "Bored To Death") und dessen Bruder Gaetano (Salvatore Esposito, "Gomorrha"), dort die afrikanischstämmigen Gefolgsleute von Loy Cannon (Chris Rock). Mittendrin bzw. zwischen den Fronten: die Bestatterfamilie Smutney, eine Krankenschwester, zwei entflohene Gefängnisinsassinnen und die örtliche Polizei um den korrupten Polizisten Odis Weff (Jack Huston, "Boardwalk Empire").

Der Auftakt hatte es schwer zu punkten. Den Mafia-Kick hatte ich mir ja zuvor bei "Gangs of London" geholt, das Drama um die Entrechtung und Verfolgung der schwarzen Bevölkerung bei "Lovecraft Country". So blieben bei mir zu Beginn nur als Stichworte hängen: "Naja, mal wieder Mafia" und "Standup-Ikone Chris Rock will jetzt ernsthaft sein". Mir fehlten auch die für die Reihe berühmten richtig schrulligen Charaktere, außer der zunächst nur milde seltsamen Krankenschwester Oraetta Mayflower und dem Klopf-Tick von Odis Weff war da nichts.

Allerdings wird es besser mit dem Auftauchen von Dick "Deafy" Wickware (Timothy Olyphant, "Justified"), dem Ermittler aus dem Mormonenland mit immer einer Karotte zur Hand. Ich hoffe, er und die restlichen sechs Episoden reißen das noch raus.

DURCHSCHNITTSWERTUNG NACH FÜNF EPISODEN: 4,95 PUNKTE (befriedigend+)

STAR TREK: DISCOVERY (SEASON 3)

  

Das Weltall. Unendliche Weiten. Dies sind die Abenteuer von Commander Michael Burnham, Sternflotten-Dienstnummer SC0064-0974SHN. Fast ein Jahrtausend in der Zukunft gestrandet, erkundet sie fremde Welten. Sei dabei, wie sie kämpft. Wie sie lacht. Wie sie fast weint. Wie sie Freunde findet. Wie sie Feinde besiegt. Wie sie die Hoffnung aufrechterhält. Wie sie sich eine neue Frisur zu eigen macht. Ihr mögt doch auch alle Michael Burnham. Und wollt einfach immer mehr von ihr sehen, oder? ODER?

Das war so mein Eindruck der Auftaktfolge der dritten Staffel. Und ich setze mich jetzt mit dem Hintern genussvoll ins Wespennest, wenn ich die obige Frage mit einem klaren "Och, als Solokünstlerin eigentlich nicht soooo" beantworte. Aber die Discovery um meinen persönlichen Helden Saru taucht erst in der zweiten Episode auf. Hilft ja nichts. 

Wobei ich nach drei gesehenen Folgen so langsam dazu tendiere, eher auf die neue Star Trek-Show "Strange New Worlds" mit Anson "Er-ist-so-schneidig!" Mount als Captain Pike zu warten. Denn Discovery holt mich und meine Schwäche für Star Trek derzeit einfach nicht ab. Der Auftakt mit der One-Woman-Show Burnham riss mich schon nicht gerade von der Couch. Die Rückkehr der Discovery und der Crew (bei der der Ensemble-Charakter nicht so recht durchscheint, ich entdecke stets Mitglieder, deren Namen ich nicht zusammenkriege) hatte bereits Logiklöcher drin, die mich mit Schauern an düstere "Picard"-Zeiten erinnerten. Die dezenten Anflüge von Humor schwirren an meinem Humorzentrum vorbei, lediglich die spitzen bis pampigen Bemerkungen von Tig Notaro und Michelle Yeoh (deren wahre Stärken ich aber nicht in der Schauspielerei sehe) erreichen mich ab und an. Und mit der neusten Ausgabe drücken die Macher uns wohl ernsthaft einen neuen Wesley Crusher aufs Auge und in die Mannschaft. Zitat meines Bruders: "Die lernen auch nicht dazu".  

Fazit: mehr als dreimal "befriedigend" war nicht drin, die Tendenz geht deutlich hin zu "da muss mehr kommen". Natürlich werde ich die Season dranbleiben, allerdings werfe ich bisher meinen Tricorder nicht vor Freude in die Luft, wenn das Star Trek-Thema erklingt.

DURCHSCHNITTSWERTUNG NACH DREI EPISODEN: 4,50 PUNKTE (befriedigend-)

THE GOLDBERGS (SEASON 8)

  

Zum Abschluss noch mein Eindruck zu den ersten drei neuen Folgen der Goldbergs. Jede Comedy-Show hat es schwer, im achten Jahr noch frisch, frech und witzig zu sein, da bilden die Abenteuer der scheinbar ewig in den 80ern hängenden Familie aus Jenkintown keine Ausnahme.

Aktuell kristallisieren sich drei Kategorien heraus, die man wunderbar an den bisher ausgestrahlten Episoden festmachen kann:

Episode 1: Airplane! 

Die Goldbergs wollen zum Ende des Sommers in Urlaub fliegen, das zwingend hieraus folgende Chaos am Flughafen und im Flugzeug wird durch Zitate des Kultquatschfilms "Airplane!"(hierzulande "Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug") ergänzt.

Kategorie: Die Autoren haben tatsächlich noch ein nicht verwurstetes 80er-Jahre-Thema gefunden, stecken die Familie in ein Setting, das Potenzial für lustige Situationen bietet und fertig. Ergebnis: gute Folge.

Episode 2: The Prettiest Boy in School

Adam Goldberg trägt nach den Ferien zur Rückkehr in den Schulalltag Kontaktlinsen statt Brille, eine coole Frisur und keine Nerdklamotten mehr. Seine Clique ist bestürzt. Gehört er nun zu den coolen Kids?

Kategorie: Den Autoren fällt nichts aus den 80ern ein, also schrauben sie verzweifelt ein paar Änderungen rein (die am Ende natürlich nicht halten). Ergebnis: Eine Folge, die man wegguckt und von der nichts hängenbleibt. Mit gutem Willen und aus Liebe zur Show noch 4,5 Punkte, eigentlich eher weniger.

Episode 3: It's all about Comptrol

Beverly Goldberg will aus Abenteuerlust und/oder Langeweile und/oder Trotz in die städtische Politik und führt einen unanständigen, verlogenen Wettkampf gegen ihren Konkurrenten, was fatal an die aktuelle Lage in den USA erinnert.

Kategorie: Den Autoren fällt zwar nichts aus den 80ern ein, aber sie nehmen die Stärken einer Figur, setzen sie richtig ein und geben obendrauf ein Statement zur Neuzeit ab. Ergebnis: gute Folge.

Was ich damit schreiben will: Bitte mehr in der Machart von Episode 1 und 3. Bitte keine mehr im Stil von Episode 2. Herzlichen Dank. 

DURCHSCHNITTSWERTUNG NACH DREI EPISODEN: 4,83 PUNKTE (befriedigend)

Kommentare

  1. Die ersten drei Serien klingen famos und will ich auch noch irgendwann sehen. Ich kann nur hoffen, dass für nicht Prime- und Netflix-Serien noch den klassischen Heimkinomarkt gibt, denn sonst wird das nichts. Einen dritten Streaming-Dienst schaffe ich mir nicht mehr an. Und wenn wer schon dabei sind, wird es auch Zeit dass es die Goldbergs mal zu einem der beiden schaffen oder neue DVDs kommen...

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    1. Ich denke, bei SKY und HBO geht da noch was mit physikalischen Medien. Wäre für mich auch traurig, weil ich gerne zu Weihnachten guten Stoff in den Player lege. Und die ersten drei Titel gehören definitiv dazu.

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