Seriencheck (115)

Gluthitze. Eine Katastrophe. Grenzwerte werden gesprengt. Aber es gibt auch was zu lachen. Willkommen zum Seriencheck im Hochsommer.

CHERNOBYL


Fangen wir mal nicht mit der Katastrophe an, sondern dem Höhepunkt.
Also Chernobyl.
Liest sich komisch, trifft aber den Kern.

Okay, nochmal von vorne...

Die Miniserie "Chernobyl" befasst sich mit dem nuklearen Super-GAU, der 1986 im Kernkraftwerk desselben Namens in der Ukraine stattfand. In fünf Episoden werden wir zu Beginn Zeuge des Unfalls, erleben dessen Folgen für die Arbeiter, die Zivilbevölkerung in der nahegelegenen Stadt Pripyat und die Politik sowie die spätere Aufarbeitung der Geschehnisse. Zentrale Figuren sind dabei der Wissenschaftler Valery Legasow (Jared Harris, Mad Men, The Terror) und der Leiter der Regierungskommission zur Aufklärung, Boris Shcherbina (Stellan Skarsgard, Good Will Hunting), die von Moskau als Krisenmanager an die Unglücksstelle geschickt werden.

Meine Erinnerung an die Geschehnisse damals erschöpft sich in folgender Geschichte: Unser Physiklehrer, ein manchmal etwas verwirrter älterer Herr, dessen Experimente gerne mal an nicht eingeschaltetem Strom zu scheitern drohten und der zu Beginn einen aus unserer Mitte peinlichst abfragte und peinigte, kam kreideweiß in den Unterricht. Er erzählte etwas von größtem anzunehmendem Unfall, schüttelte immer wieder den Kopf und wirkte aufgelöst. Ich nahm in meinem jugendlichen Leichtsinn folgendes aus der Stunde mit: "Geil, der alte Zausel hat heute keinen abgehört!"

33 Jahre und knapp fünf Stunden mit der Serie später weiß ich: Es war das Grauen. "Chernobyl" ist unangenehm, nimmt einen als Zuschauer mit, lässt einen zittern, verschreckt, klärt auf, stimmt nachdenklich und wütend angesichts der Vertuschung und Lügen. Man leidet mit wahren Helden, die nie Anerkennung gefunden haben und verflucht die Verantwortlichen aus Politik und Reaktorleitung. Dabei leistet sich die Show ein paar kreative Freiheiten (weshalb die Russen bereits eine eigene Serie zu dem Thema angekündigt haben), ist also keine reine Dokumentation. Doch gibt es mehr als reichlich belegte Geschehnisse, wie man dem empfehlenswerten Podcast entnehmen kann. 

Das Fazit: Wer damit umgehen kann, erlebt eine der nachdrücklichsten Seherfahrungen der letzten Jahre. Nicht umsonst steht "Chernobyl" aktuell bei IMDB mit 9,6 Punkten ganz oben auf der Liste der TV-Serien. Und ich habe ein neues Geräusch, das mich noch zuverlässiger zusammenzucken lässt als der Bewegungssensor in "Aliens". Ein absoluter Pflichtkauf, wenn HBO hoffentlich die Blu-ray-Box auf den Markt bringt. Aber ich kann nicht sagen, wann ich wieder bereit bin, mir sie dann auch anzusehen.

GESAMTWERTUNG: 6,20 PUNKTE (überragend)

GAME OF THRONES (SEASON 8)


Okay, ab hier ist dann Katastrophenzone. Ich werde versuchen, nicht zu spoilern, aber es dürfte selbst meinem treuen Leser bullion nicht entgangen sein, dass es .. nun ja... geteilte Meinungen zur achten Staffel gibt.

Dabei hatte ich die Awards "Schlimmst schmerzende Diskrepanz zwischen Optik und Story" und "Verschenktestes Potenzial" im letzten Seriencheck eigentlich schon an die zweite Staffel von "Star Trek: Discovery" vergeben. Kommando zurück, Captain!

Denn "Game of Thrones" hat einerseits überragend beeindruckende Bilder und Settings zu bieten, für die man der Crew vom Regisseur, den Effektkünstlern über die Kameraleute bis hin zum Komparsen bitteschön alle Preise dieser Welt nachschmeißen möge; andererseits treffen Benioff und Weiss in Sachen Story und Charakterentwicklung Entscheidungen, die bei mir das schlimmstmögliche Befinden in Bezug auf eine Serie auslösten: Mir waren nach spätestens der fünften Folge fast alle Figuren komplett egal.

Die Serie hätte definitiv mehr Zeit und Feinschliff benötigt, um sie zu einem ihrem Stellenwert entsprechenden Ende zu bringen. Die erste Episode versprühte eigentlich nur "Hurra, wir sind wieder da. Schön, dass wir uns mal treffen"- Wiedersehensfreude (was ich damals noch absolut okay fand und tatsächlich mit der höchsten Wertung der gesamten Staffel versah). Schon die zweite Folge beschlich mich dieses unangenehme "Mmh, die kommen nicht aus dem Quark, wir haben doch keine Zeit!!!"-Gefühl. Weshalb ich Übles schwanend meinen "They're about to fuck it up. Send help, George RR."-Tweet absetzte. Und mich wunderte, dass alle noch so begeistert waren.

Danach ging es ab. Die Optik aufgedreht bis zum Anschlag, das Storygerüst aus wackelnden, unbefestigten Spanplatten zusammengeklatscht.Wird schon halten, wenn keiner darauf achtet. Keine Zeit für Nachvollziehbarkeit, Logik ist das, was das Drehbuch vorgibt. In jeder Episode wurde mindestens ein Komplettaussetzer kredenzt, bei dem man als Fan die Hände vors Gesicht schlagen musste. So lief es bis zum Finale, das ich in einer Mischung aus "Naja, von mir aus" und "Gut, dass es vorbei ist" aufnahm.

Dabei bin ich gar nicht mal verärgert, WIE diese einst großartige Serie zu einem Abschluss geführt wurde. Sondern über den WEG dorthin. Ich könnte mit dem letzten Endes eingeschlagenen Erzählpfad durchaus meinen Frieden finden, hätte man sich wenigstens ein bisschen Mühe gegeben, ihn für den Zuschauer einigermaßen nachvollziehbar und verständlich zu gestalten, statt ihn einfach so - teils entgegen der bisherigen Charakterzeichnungen - hinzuschludern. Da hätten meiner Meinung nach schon ein paar Episoden mehr sehr viel helfen können.

So überwiegt bei mir die Enttäuschung. Gepaart mit der leider wohl unrealistischen Hoffnung, dass es in fünf bis zehn Jahren vielleicht ein Remake dieser Season geben wird. Oder zumindest eine Extended Edition auf Blu-ray mit zusätzlichen Szenen in der Gesamtlaufzeit von zwei bis drei Folgen. Bis dahin kann ich der achten Staffel nicht mal guten Gewissens ein "befriedigend" geben.

GESAMTWERTUNG: 4,33 PUNKTE (durchschnittlich)

BARRY (SEASON 2)


Durchaus düster geht es in der zweiten Staffel um den theaterbegeisterten Killer "Barry" zu. Wie gut, dass mein absoluter Nebendarstellerliebling, der tschetschenische Mafiosi NoHoHank (mindestens Emmy- und Golden Globe-Nominierung für Anthony Carrigan, bitte sehr) trotz eigener Probleme mit gewohnt gut vorgespielter Laune für Entspannung sorgt.

Die Serie schafft es, filigran zwischen Drama und Comedy zu balancieren, sodass man als Zuschauer quasi das Beste aus beiden Welten dargeboten bekommt. Mit dem Kniff in der passend betitelten Episode "What?!" und dem herrlichen over-the-top Kampfaction-Spektakel in "ronny/lilly" (Prädikatwertung von mir) alleine hat sich Show locker wieder den Sprung in den "Sehr gut"-Wertungsbereich verdient. Im Finale ging es mir allerdings ein wenig zu sprunghaft zu, dafür braut sich für die bereits bestellte dritte Staffel wieder einiges zusammen.

GESAMTWERTUNG: 5,68 PUNKTE (sehr gut)


VEEP (SEASON 7)


Ab sofort fehlt mir die Quelle für zünftige, englische Beleidigungen. Denn "Veep" ist vorbei. Sieben Staffeln hat man auf höchstem Niveau sprachlich derb geholzt, das Politikgeschäft seiner verdienten Lächerlichkeit preisgegeben und mich wunderbar unterhalten. Selina und Gary werden mir schmerzlich fehlen, Jonah Ryan mit seiner unendlichen Dummheit, für die man ihn lachend schlagen möchte, ebenso.

Auch die letzte Season liefert hochwertig ab, sodass ich jedem Freund der Vizepräsidentin amtlich das offizielle Okay zum Kauf der Gesamtstaffelbox geben kann. Herausheben möchte ich vor allem das Finale, das wirklich nochmal alle Register dieser wunderbaren Comedy-Serie zieht und nicht nur nach Ansicht von Darstellerin Julia Louis-Dreyfus zum Besten zählt, was die Show auf den Bildschirm gebracht hat. Und wenn es ganz zum Schluss so emotional wird, dass ich standhaft ein Tränchen wegdrücken musste, hat "Veep" einfach von Anfang bis Ende alles richtig gemacht. 

GESAMTWERTUNG: 5,73 PUNKTE (sehr gut)

WHAT WE DO IN THE SHADOWS (SEASON 1)


Wer dem dazugehörigen Film etwas abgewinnen konnte (und da hebe ich voller Überzeugung die Hand), wird auch von der Serie nicht enttäuscht werden. Obwohl mir der Original-Cast durchaus fehlt, bieten die Vampire um Nandor, den Unerbittlichen, genügend Potenzial, um eigenständig zu unterhalten. Durch Charaktere wie Guillermo, den "familiar" (sprich: Vampiraspiranten und Sklaven) der Sippe und den Energievampir Colin wird der Erzählrahmen sinnvoll ergänzt, zudem setzen Gastauftritte von Doug Jones (Star Trek: Discovery) und eines gelungen zusammengestellten Tribunals in "The Trial" für prächtige Highlights. Demgegenüber fallen ein paar Folgen dezent ab, für ein "gut" reicht es aber allemal.

GESAMTWERTUNG: 5,15 PUNKTE (gut)

THE SIMPSONS (SEASON 30)


(Vorerst) Zum Schluss die übliche Chronistenpflicht mit den Simpsons-Episoden, die 5 Punkte erhalten haben  - höher im Wertungsranking ging es auch zum 30. Saisongeburtstag nicht:

S30E04 Treehouse of Horror XXIX
S30E05 Baby, You Can't Drive My Car
S30E10 'Tis the 30th Season
S30E14 The Clown Stays In The Picture
S30E15 101 Mitigations
S30E21 D'oh Canada


GESAMTWERTUNG: 4,39 PUNKTE (durchschnittlich)

Kommentare

  1. Also auf "Chernobyl" freue ich mich tatsächlich schon. Auch wenn es eine düstere Seherfahrung wird. Ich habe noch recht gute Erinnerungen daran, dass wir damals nicht auf den Spielplatz durften, jahrelang danach keine Pilze gegessen haben usw. Hat Eindruck gemacht, auch wennn ich mit 6 Jahren das Ausmaß nicht verstanden hatte.

    GoT scheint mir so als wären die 6 Episoden doch viel zu wenig gewesen. Verstehe auch nicht, warum sich HBO nicht die Zeit für 8 oder 10 Episoden genommen hat. Hätte die Sache bestimmt runder gemacht. Bin noch gespannt und werde in ein paar Monaten berichten.

    Hachja, "Veep" <3 Hoffe noch auf eine schöne Blu-ray-Komplettbox. ;)

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  2. Chernobyl. Barry. Veep. Wenn die alle auf Blu-ray veröffentlicht werden, muss ich definitv anbauen ;)

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  3. Chernobyl: Vollste Zustimmung, sehr bedrückende, atmosphärisch dichte Serie. Hätte ich nicht gedacht... (ich habe übrigens gar keine Erinnerungen. Hatte wie bullion mit 6 wohl auch Spielplatz-Verbot, aber das weiß ich nur aus Erzählungen. Würden die Russen bestimmt anders erzählen)
    GoT: Maximal halbste Zustimmung. Ja, es war manchmal etwas holprig, aber bei weitem nicht so eine Unverschämtheit, wie die Eisschollen-Folge aus der Staffel davor. Ich hab bekommen, was ich wollte, konnte vielleicht besser ein Auge zudrücken und habe es einfach nur genossen. Dazu den PewCast gehört, wo mir wöchentlich sehr fundiert bestätigt wurde, das die ganze Haterei im Netz nicht die einzige Sichtweise ist. Ich bin zufrieden, brauchen die Russen nicht neu drehen.
    Barry: Hab die erste Staffel gesehen, fand ich nicht schlecht, habe aber auch nicht das Bedürfnis, eine weitere Staffel zu sehen. Dazu gibt es genug anderes tolles Zeug
    Veep: Über die ersten 10 Minuten der ersten Folge bin ich nie raus gekommen und werde ich wohl auch nie...

    Nachdem ich "How to sell drugs online (fast)" angeschaut habe (Podcast-UFO sei dank) und durchaus positiv überrascht wurde, habe ich dann gerade auch "Dark" eine Chance gegeben, wo ich gerade schwach wurde, was deutsche Serien angeht. Und bis jetzt (aktuell 1. Folge 2. Staffel) haben haben Story und Bilder auch meine niedrigen Erwartungen deutlich übertroffen. Die schauspielerische Leistung ist aber (anders als bei htsdof) teilweise fulminant schlecht. Und das Drehbuch auch manchmal schon sehr "on the nose", um das deutsche Publikum nicht zu verlieren.
    Aber wer Atomkraftwerke nach Chernobyl lieben gelernt hat, ist hier richtig ;-)

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  4. Danke für deinen Kommentar, donvanone, der hat mir gerade eben den Morgen versüßt ("...brauchen die Russen nicht neu drehen", "...wer Atomkraftwerke nach Chernobyl lieben gelernt hat...."): Keine Lust, nochmal was zu bloggen?

    Ja, GoT war schon die Staffel zuvor nicht mehr stabil unterwegs. Ich stimme auch zu, dass mir der Hate im Netz an vielen Stellen zu viel war. Was ich gesehen und gehört habe, sind aber manche, die zunächst noch ein Auge zugedrückt haben, mit Episode 5 "gebrochen" worden. Ich stehe der Show mittlerweile wie ein Elternteil gegenüber, dessen Kind Mist gebaut hat: "Ich bin nicht wütend; nur sehr, sehr enttäuscht, Gamie!"

    In "Dark" schaue ich dann vielleicht mal rein, weil mich das Setting durchaus interessiert. Aber ich bleibe bei deutschen Serien ein scheues Rehlein. Ein Blick in den Versuch von Schweighöfer damals hat wieder viel Vertrauen kaputt gemacht.

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    1. "Keine Lust, nochmal was zu bloggen?"
      Nein, die Bloggerjahre sind vorbei...
      Ich blogge noch für den privaten Kreis über das Familienleben, wie es auf DonsTag auch mal das Zeil war (zumindest bis die Kinder da waren), aber das wars. Tatsächlich ziehe ich mich immer mehr aus dem Netz zurück. Vor etwa einer Woche hab ich bei meinem privaten Facebook-Account den Stecker gezogen, weil es mir einfach gereicht hat.

      Aber meine Serienkritiken kann ich ja (wie damals in diesem fulminanten Dauer-Kommentar-Thread) hier bei dir ablassen...
      Und wo ich heute die zweite Staffel von Dark abgeschlossen habe, muss ich sagen: Schau es dir an, unbedingt! Sehr krasser Scheiß, tauche jetzt erstmal auf Reddit ab, um nach Theorien, Erklärungen, Schaubildern und sonstigem zu schauen. Mindfuck pur, wirklich gut geschrieben, wie gesagt leider nicht angemessen gut geschauspielert, aber da konnte ich dann doch drüber hinwegsehen. Die Serie ist es wert.
      Vor allem auch eine Empfehlung für Bullion, der ja auch ein Zeitreise-Fan ist

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