30. Juli 2010

"Nennen Sie es ruhig beim Namen, das ist ein Scheißdreckding" - Hypertonie und ihre Behandlung

Bluthochdruck ist eine schlichtweg unnütze Krankheit. Schon allein ihre Feststellung fördert eigenquälerische Tendenzen zutage. Man bindet sich den Arm mit einer aufgepumpten Manschette ab und misst, mit welchem Druck die derart angepissten Blutgefäße den Lebenssaft durchströmen lassen. Wäre ich eine Arterie, ich würde alleine schon wegen dieser Behandlung mit voller Absicht sämtliche Werte versauen. Pumpen, stöhnen, ärgern - so lautet die Dreifaltigkeit des Hypertonikers. Denn am Ende der Messung steht ein Zahlenpaar, über das man sich gleich wieder aufregen darf. Die ärztlich verordneten Glückszahlen 120 und 80 (in der Reihenfolge) gelingen einem schließlich ungefähr so oft wie ein 5er im Lotto.

Im Krankenhaus kommt man sich mit seiner Maladie darüber hinaus vor wie ein frisch ins Altersheim eingewiesener Teenager. Man hat keine Schmerzen, kann sich normal fortbewegen und hat damit de facto nix vorzuweisen inmitten der Zimmergenossen mit Loch im Herzen, beidseitigen Beinamputationen, Leberschäden oder Niereninsuffizienz. Nur der demenzielle Opa, der nachts immer laut "BEDIENUNG! WIR MÖCHTEN ZAHLEN" oder "STATION 38, BITTE MELDEN" krakeelte, schien leichtes Interesse zu zeigen. Aber verdächtigerweise nie sonderlich lange.

Noch schlimmer: fällt im Gespräch der Hinweis auf die Krankheit, kann man sich zu 100% sicher sein, vom Gegenüber wertemäßig locker in die Tasche gesteckt zu werden. Der Taxifahrer etwa, der mich zu einer außerörtlichen Schilddrüsenuntersuchung fuhr, lächelte angesichts meiner Angaben, legte auf meinen systolischen/diastolischen Wert jeweils 50-60 mmHg drauf und leitete geschickt zu Schlaganfall, Diabetes und Tablettendarreichungsformen jenseits des menschlichen Schluckvermögens über. Selbst schnöde Krankenhausbesucher lassen einen die eigene Krankheitsminderwertigkeit spüren. "Ach, Sie haben hohen Blutdruck? Mein Bruder, den ich gestern mit dabei hatte, auch! Als ich vor Jahren mal bei ihm gemessen hatte, kam der auf 190 zu 275". Der junge Mann machte auf mich allerdings nicht den Eindruck, dass sein Herz infolge komplett fehlender Entspannungsphase bereits geplatzt war.

Die Krönung jeder Hypertoniebehandlung ist allerdings die Langzeitblutdruckmessung. 24 Stunden darf man die Manschette nebst Aufzeichungsgerät tragen, alle 15 Minuten am Tag und alle 30 Minuten in der Nacht eine Messung über sich ergehen lassen. Wie sich daraus realistische Werte entnehmen lassen, ist mir ja gelinde gesagt ein Rätsel, denn allein das Getöse beim Aufpumpen und der schmerzvoll aufgebaute Druck am Arm bringt doch jedem normalen Menschen mit einem gewissen Restgrad an Sinneswahrnehmung das Blut zur Wallung. Wahrscheinlich hält der Erfinder dieses (ich zitiere die freundliche, für die EKG-Messungen zuständige Dame) "Scheißdreckdings" auch die Patente am kopfschmerzstillenden Handbohrer oder der blutungsstoppenden Kettensäge.

Was bleibt, sind Tabletten. Und die jedesmal aufs Neue drängende Frage, welches Essen ich dazu reichen soll. Denn meistens fallen Appetit und Einnahmezeit weitflächig auseinander. Stolz bin ich hingegen auf meine makellose Bilanz in der neu belegten Disziplin Altengymnastik: bisher ist mir nämlich beim Rauspfriemeln aus der Blisterverpackung noch keine Tablette davongehopst - das jahrelange Hand-Auge-Koordinationstraining an PC oder Konsole hat sich also doch bezahlt gemacht. Wenigstens in dem Bereich kein Grund zur Aufregung.

28. Juli 2010

Aqui está... Raúl

Wie schrieb ich 2006 im unfassbar kompetenzfreien WM-Tagebuch nach dem Spiel Spanien gegen Ukraine (4:0):

Auch ärgerlich: ich hatte mehrere richtig billige Wortwitze für den spanischen Superstar Raúl ausgearbeitet, basierend auf dem saarländischen Dialektbegriff „raulich“ (=schwächlich, abgemagert, ausgemergelt). Die kann ich nun alle in die Tonne treten. Dafür streiche ich flott die Ukrainer aus meiner Favoritenliste und trage dafür die Spanier ein.
Hoffentlich bleibt es nach dem offiziellen Wechsel zu Schalke weiter beim In-die-Tonne-Treten von Schmähbegriffen. "Der hat jo so was vun raulich geschpielt, heer ma uff!" geht halt sehr leicht über die Zunge.

Aber ich glaube schon, dass wir mit dem viel Freude haben werden. Und 33 ist ja wohl kein Alter, damals war ich beispielsweise noch voll fit. Willkommen, Raúl Gonzales Blanco.

27. Juli 2010

CD des Monats: GRAND MAGUS - Hammer Of The North

Neulich in der Fachmetzgerei für grobe Musik:

"Schönen guten Morgen, ich hätte gerne 50 Minuten klassischen Heavy Metal".
"Oh, ein Kenner! Da bekommen wir demnächst eine ganz frische Ladung Iron Maiden..."
"Nein danke, die alten Sachen war'n ja super, aber dem neuen Zeug fehlt ein bisschen das Kraftfutter bevor es in die Wurst geht"
"Dann vielleicht Judas Priest? Der alte Hahn aus dem Stall Halford kräht doch immer noch recht prächtig, müssen Sie zugeben"
"Bringt meinen Magen aber nicht in Wallung, wenn er Weihnachtslieder singt oder Nostradamus herbeilangweilt"
"Jetzt hab ich's! Manowar aus Amerika, nur echt im leckeren und essbaren Lederhöschen"
"Hab ich mir schon lange abgewöhnt. Viel zu viel Sülze in den Scheiben, das Heldengelabere inmitten der Stücke krieg ich echt nicht runter"
"Englische Schwarzwurst. Am heiligen Feiertag geschlachtet. Black Sabbath."
"Müssen Sie mich jetzt wirklich daran erinnern, dass Ronnie James Dio gestorben ist??? Tagelang konnte ich deswegen nichts essen."
"Amon Amarth?"
"Sehr schmackhaft, aber röchelt zu sehr im Abgang"
"Rhapsody Of Fire?"
"Zu viel Schmalz, zu viel Pomp und dann auch noch mit süßlichen, voll untruen Keyboardextrakten!"
"Hammerfall?"
"Hallo? Ich esse doch nichts, bei dem sich gesangstechnisch die Hoden noch nicht abgesenkt haben."
"Ja, dann fällt mir auch nichts mehr ein."
"Na super! Und was soll ich mir jetzt aufs Brot schmieren?"

Fürwahr ein Dilemma, doch Abhilfe naht in Form von Grand Magus. Früher widmete sich der schwedische Dreier dem Doom- und Stoner Metal, mit der neuen Scheibe geht es nun aber endgültig Richtung edelst gewachsenem Heavy Metal. Wo auf dem Vorgänger "Iron Will" es ab und an an der Dynamik fehlte, schließt "Hammer Of The North" diese Lücke mit schnelleren Nummern wie "At Midnight They'll Get Wise" und "Northern Star". Ansonsten setzt es schwere, aber eingängige Riffs zum Mähneschütteln, Pommesgabelkreisenlassen und Glücklichsein, begleitet vom dominanten Bass-Spiel eines Mats „Fox“ Heden und dem passenden kehlig-klaren Gesang von Janne „JB“ Christoffersson. Nicht umsonst konnte diese CD sowohl im Metal Hammer als auch bei Rock Hard den ersten Platz beim monatlichen Soundcheck einheimsen.

Fazit: wer sich nochmal richtig altmeisterliche Metallklänge wie damals Anfang bis Mitte der 80er zuführen will, muss zugreifen. Das Gitarrenriff wird natürlich nicht neu erfunden, aber so nostalgisch schön angeschlagen, dass es selbst dem abgehärtesten Headbanger das Herz erwärmt.

Als Hörbeispiel die Abschlussnummer "Ravens Guide Our Way" (man beachte die Reminiszenz an "Rime Of The Ancient Mariner" von Iron Maiden):



Wer alle Songs mal durchhören will, dem sei diese Seite von Roadrunner Records empfohlen.

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26. Juli 2010

Elfmeter auf Spanisch

Der Spanier kann einem wirklich Angst machen. Europameister, Weltmeister, Orakeltentakelgünstling und jetzt revolutioniert er auch noch das Elfmeterschießen (ab 0:30 sieht man es richtig). Wie kann man den noch aufhalten?

25. Juli 2010

"Weshalb ist denn Ihr Hashimoto so schepp?" - Chefarzt, Oberarzt und Stationsarzt

Krankenhaus also. War ich seit 30 Jahren nicht mehr drin. Kann jetzt auch nicht sagen, dass es mir gefehlt hätte. Damals musste mir ein gebrochenes Schien- und Wadenbein gerichtet werden. Wer die Narbe sieht, dem erzähle ich, dass ich mir die dazu passende Verletzung dramatisch auf dem Fußballfeld erkämpft habe. Inoffiziell und wahrheitsgemäß war ich mit dem Bein in einem Gitter über einer Klärgrube vorm Haus meiner Tante steckengeblieben. Aber diese Version taugt natürlich nicht, um bei Mitkranken Eindruck zu schinden (was eh ein Ding der Unmöglichkeit ist, später mehr dazu).

Nach der Aufnahme, der ersten Blutentnahme, einer gepflegten halbstündigen Infusionssitzung und einer aus welchem Grund auch immer durchgeführten Lungen-Röntgerei traf ich das erste Mal auf den Chefarzt. Der Mann war spezialisiert auf Schilddrüsenhormone und mein Hausarzt hatte mich ihm wohl vorgeworfen, auf dass er in dem Bereich gefordert werden und Drüse & Druck in Einklang bringen würde. Ich kam also vom Röntgen rein und da saß er nun, im langen weißen Kittel, die um ihn herumsitzenden Ärztinnen in ehrfürchtiger Anbetungspose verharrend. "Hashimoto", "aber schon am Abklingen", "muss man im Auge behalten", "statistisch 30% höhere Krebsgefahr als bei Nicht-Hashimoto", "also ein Mal im Jahr zur Vorsorge Ultraschall", "in ein paar Tagen sind Sie draussen" war alles, was ich aus dem folgenden Wortschwall verständlich entnehmen konnte. Mein Hausarzt würde schwer enttäuscht sein. Ich selbst war versucht, als Replik einfach mal die Konfiguration meiner drei Rechner runterzubeten, angereichert mit ein paar juristischen Begriffen wie enteignungsgleiche Maßnahme, Junktimklausel oder die Einrede des dolo facit, qui petit, quod statim redditurus est. Aber ich lächelte nur, nickte und war guter Hoffnung. Bis mich derselbe Chefarzt am nächsten Morgen bei der Visite mit einem freundlichen "Weshalb sind Sie nochmal hier?" ansprach. Was übrigens einige weitere Male passieren sollte. "Blutdruck und Schilddrüse? Ja, das ist langwierig". Nix mehr mit draussen in ein paar Tagen.

Der Oberarzt kam am folgenden Tag, fragte mich mit dem Humor eines preußischen Stabsoffiziers ab und verzog sein Gesicht. Der klassische Typ des Gelacht-wird-einmal-im-Jahr-nach-vorheriger-gesonderter-Ankündigung. "Weshalb ist denn Ihr Hashimoto so schepp?", brummelte er vor sich hin. Prima, die Kommunikation zwischen Chef- und Oberarzt schien ja exzellent zu sein, ich sah mich schon Spinnweben im Krankenbett ansetzen. Am Ende kam ich mit dem Mann dann doch gut zurecht, weil er mich bei einer Visite einfach vergessen hatte und (angeblich schwer über meine Behandlung sinnierend) am Zimmer vorbeigelaufen war. Nach einer ausführlichen Entschuldigungslitanei wurde er handzahm und schickte mich fürs Wochenende nach Hause, weil ich frisch den 10. Geburtstag meines Patenkinds erfunden hatte, zu dem ich unbedingt erscheinen musste.

Bleibt der Stationsarzt. Der Mann fürs Grobe und mit TMI-Syndrom. Too Much Information. Ich liebe Ärzte, die sich daran ergötzen, einem alle möglichen zukünftigen Krankheitsszenarien an den Kopf zu werfen. Sie nennen es bestmögliche Aufklärung, ich sehe dabei komischerweise immer ihr Gesicht auf einem Punchingball. "Ihre Zuckerwerte sind noch in Ordnung, aber schon leicht im Grenzbereich. Sie haben die Veranlagung, irgendwann bricht das durch". [Patsch! Ohrfeige links, Patsch! Ohrfeige rechts]. "Als Mann sollten Sie wissen, dass Ihre Medikamente als Nebenwirkung Potenzprobleme auslösen können. Nicht bei jedem, aber die Nebenwirkung ist bekannt". [Haken nach oben, Haken nach unten]. "Bewegung, Gewichtsreduktion und gesunde Ernährung sind wichtig. Fangen wir gleich damit an, ich verordne Ihnen kalorienbewusste Kost, wenn es die Küche hinbekommt". Bekam sie nicht. [Linker Punch auf die Nase, rechter Punch auf die Nase). Am vergangenen Donnerstag Morgen war der Mann wenigstens gut von der Frau/Freundin/Kloschüssel aufgestiegen, entsprechend angenehm gelaunt und ließ mich davonziehen.

(wird fortgesetzt)

23. Juli 2010

IniRadio #159: Grand Magus - Iron Will

Grand Magus aus Schweden habe ich im Krankenhaus immer gerne gehört. Vor allem morgens, wenn die Messe zwangsweise über Lautsprecher ins Zimmer übertragen wurde. Jedem der eigene große Zauber und die eigene Art der Durchhalteparole, sag ich mal. Der Jesus am Kreuz an der Wand hat sich jedenfalls nicht vor Scham umgedreht, das nehme ich mal als gutes Zeichen.

Louis CK - Getting Old (plus Ricky Gervais Auftritt bei "LOUIE")

Hat mich eben sehr aufgeheitert. Seine neue Show auf FX ist auch sehenswert, hauptsächlich natürlich wegen der Standups, an den Stories müsste noch gearbeitet werden. Aber ich bleibe dran.

Wer es übrigens humormäßig ganz hart braucht und sich nie wieder in eine Praxis trauen will, der werfe einen Blick auf diesen Ausschnitt mit Ricky Gervais als Doktor.

Wieder da! Jetzt mit frischen Krankheitsgeschichtsextrakten

Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Sang damals der Udo Jürgens in seinem Anfall von schlagerhaft-sinnloser Spätfreude. Was er nicht erwähnt hat: vorher, so etwa ab 40 Jahren, fängt es gesundheitsmäßig schon mal ordentlich an zu bröckeln.

Seit gestern bin ich aus dem Krankenhaus und obwohl ich weder sonderlich gläubig noch katholisch bin, war ich versucht, ein paar Kreuze zu schlagen. Also die unsichtbaren vor der Brust, nicht die realen im Zimmer an der Wand hängenden. Das kommt davon, wenn man nett und zuvorkommend ist und der neuen Ärztin in der Praxis des Stamm-Medizinmanns nach der gemeinsamem Gichtgelenksbestaunung von sich erzählt. Dass man auf die Ernährung achtet. Lächelnd und unverkrampft den Umstieg von Butter auf Margarine hingelegt hat. Den Heimtrainer gar nicht mal so schlimm zustauben lässt. Voller Gleichmut die krankhaften Erbgeschenke der Vorfahren hinnimmt, wie die vergrößerte Schilddrüse seitens der Oma und den hohen Blutdruck von der Mutter. Leider lässt die Wortkombination "hoch" und "Blutdruck" die neue Ärztin reflexartig zum Messgerät greifen. Bei mir hingegen erzeugt die Ereigniskombination "Arzt" und "Blutdruckmessgerät" sofort voll ausgelastete Blutgefäße und insofern beachtliche Werte.

Damals, so vor 11 Jahren, konnte ich die stramm 80-jährig wirkende Amtsärztin noch davon überzeugen, dass ihr hochattraktiver Körper und ihr allgemein charmantes Wesen mein Blut in Wallung gebracht und das Ergebnis der Untersuchung verfälscht hätte. Diesmal half es nichts. Selbst eine Runde Nitro-Spray unter die Zunge brachte keine zufriedenstellende und mich heimschickenswerte Lösung. "So kann ich Sie nicht herumlaufen lassen. Sie gehen noch heute ins Krankenhaus und lassen sich dort den Blutdruck einstellen, egal, wie lange es dauert. Die sollen gleich noch die Schilddrüse untersuchen, vielleicht sorgt die ja dafür, dass in Ihnen alles verrückt spielt".

Ärztin betroffen gemacht. Krankenhauseinweisung erhalten. Den berühmten "Die sollen gleich noch..."-Satz mit auf den Weg bekommen. Ich wusste, dieser Tag war mir richtig gut gelungen.

(wird fortgesetzt)

12. Juli 2010

Verlängerung!

Keine Angst, die Fußball-WM geht hier drin nicht weiter. Wohl aber die Blogpause, da ich mit dem heutigen Tag für noch unbestimmte Zeit ins Krankenhaus muss. Ich melde mich, wenn ich wieder online bin.