Seriencheck (120)

Es hat sich einiges angesammelt in den letzten Wochen, die Shows der traditionellen TV-Sender in den USA sind in der Sommerpause, wegen der anhaltenden Corona-Krise könnte es aber in nächster Zeit auch zu ein wenig Schwund kommen. Mehr als Grund genug, die von mir gesehenen Kandidaten in gleich drei Serienchecks zu würdigen, zu bewerten und zu genießen: heute der erste Teil, kommende Woche numéro deux und schließlich das große Seriencheck-Ranking für die Saison 2019/2020. 

DEAD TO ME SEASON 1 & 2 


Jen Harding (Christina Applegate, Jesse / Eine schrecklich nette Familie) trifft nach dem frühzeitigen Tod ihres Mannes während des Besuchs einer Trauerbetreuungsgruppe auf Judy Hale (Linda Cardellini, Bloodline), die ebenfalls so einiges an emotionalem Ballast mit sich herumschleppt.

Da habe ich auf die twitter-Empfehlung von Oliver Kalkofe zur frisch gestarteten zweiten Staffel hin reingeschaut und bin gut unterhalten hängengeblieben. "Dead To Me" bietet Mystery, Drama, Trauerbewältigung, Schuld, Vorstadtnachbarn- und Familienchaos, Alkohol zur Mittagszeit, aber auch einen guten Schuss Comedy mit witzig geschriebenen Dialogen. Das Gesamtpaket verströmt den angenehmen "Desperate Housewives"-Vibe, der mich zu Beginn dieses Blogs vor gut 15 Jahren die Abenteuer aus der Wisteria Lane verfolgen ließ. Dass Jen auch gerne mal zum Abreagieren den ganz garstigen Metalcore in ihr Autosoundsystem fahren lässt, gilt als rein subjektiver weiterer Pluspunkt.

Die Episoden fallen mit je knapp 25-30 Minuten knackig kurz aus, die Charaktere sind sympathisch und laden zum Mitfühlen ein, die Dialoge sitzen. In jeder Folge wird schließlich ein bisschen mehr das große Geheimnis entblättert und zum Ende hin gerne mit einem Knall präsentiert. Season 1 kratzt knapp am "sehr gut" und hätte es wohl erreicht, wenn mir nicht eine einzelne Episode etwas zu sehr Leerlauf gehabt hätte.

Die zweite Staffel fällt demgegenüber ein bisschen ab, obwohl man sich bemüht, ein ähnlich schockierendes Geheimnis abzuhandeln. Mir gefielen allerdings ein paar Nebenplots weniger als im Vorgänger und die Autoren setzten für meinen Geschmack einige Male zu sehr auf die Tränendrüse. Trotzdem: Mit "Dead To Me" hat Netflix eine starke Serie im Gepäck, die es schafft, aus ihrer eher traurigen Grundkonstellation unterhaltsame Geschichten zu destillieren.

GESAMTWERTUNG SEASON 1: 5,35 Punkte (gut)
GESAMTWERTUNG SEASON 2: 5,15 Punkte (gut)


WHAT WE DO IN THE SHADOWS SEASON 2 


Vampire und Vampirfreunde, es ist an der Zeit, euren hauseigenen Guillermo zu rufen, auf dass er sich und euch die Eckzähne vor Begeisterung anfeilt, denn: "What We Do In The Shadows" hat sich in der zweiten Staffel nochmal satt steigern können. Bei mir wurden Erinnerungen an "Flight of the Conchords" wach, die ich damals ähnlich abgefeiert habe. Waren in der Vorgängerstaffel auch ein paar nur befriedigende Folgen dabei, haben sich Jemaine Clement und Taika Waititi dermaßen viel Seltsamkeiten für ihr schräges Blutsauger-Universum einfallen lassen, dass ich diesmal eiskalt und bleich lachend nur noch gute und sehr gute Wertungen vergeben konnte.

Ich liebe wirklich ohne Ausnahme jede einzelne Figur der Serie und sie funktioniert selbst, wenn man sich wie in der sechsten Episode "On The Run" nur auf einen Charakter konzentriert, weil alle Mitglieder des Vampirclans genug witziges Potenzial in sich tragen und auszuspielen wissen. Wenn dann noch Mark Hamill in einem urkomischen Gastauftritt die Register zieht, können nur noch die mürrischsten unter den Swearwölfen sich das Lachen verkneifen.   


GESAMTWERTUNG: 5,60 Punkte (sehr gut)

SPACEFORCE SEASON 1


General Mark R. Naird (Steve Carell, The Office) wird zu seiner eigenen Bestürzung damit beauftragt, den neuesten Arm des US-Militärs, die Spaceforce, zu Ruhm und Ehre zu führen. Gemeinsam mit dem Wissenschaftlter Dr. Adrian Mallory (John Malkovich, The New Pope / Being John Malkovich) stellt er sich seiner neuen Aufgabe.

Große Erwartungen ruhten auf der neuen Kollaboration von Carell und The Office (US)-Schöpfer Greg Daniels. Erwartungen, die die Show kaum erfüllen konnte - je nach angelegtem Maßstab in stärkerer oder milderer Weise. "Spaceforce" ist eine Workplace-Comedy mit tollen Momenten, die aber nicht durchgehend abliefern kann wie das große Vorbild zu seinen besten Zeiten. Vom Personal her hat John Malkovich eine der besten Szenen der Show, auf Carell lasse ich auch nichts kommen, aber was die Geschichten angeht... um mal meinen Mathelehrer zu zitieren: "Da hätte man kürzen können"

Mir waren viele Figuren und Plots einfach überflüssig (die Tochter, der Social Media-Typ, die Story um die Ehefrau, die Handwerkerin als love interest usw.), bei den Episoden hätte sich eine Straffung auf 20-22 Minuten angeboten, in denen man die witzigen Momente souverän hätte abhandeln können. Oder halt mehr von den Militärzweig-Assis am runden Tisch bringen, da hat man viel komödiantisches Potenzial im Stil von "Veep" liegen lassen.
Offen gesagt gefiel mir die zweite Folge am besten, denn sie verkörperte genau den albernen Unsinn über den neuen Militärbereich, den diese Idee von Trump auch verdient hat. Ich verstehe auch nicht, dass manche hier irgendwie feinsinnigen Humor erwartet hatten und deshalb enttäuscht waren..


Insgesamt reicht es so nicht für den Flug in die Stratosphäre der 5 Punktewertung, allerdings darf man nicht vergessen, dass die von Greg Daniels betreuten Shows gerne mal eine Staffel Anlauf benötigten, bevor sie richtig zündeten.
 
GESAMTWERTUNG: 4,80 Punkte (befriedigend)

THE PLOT AGAINST AMERICA


Fassen wir den Plot des Plots kurz zusammen: 1940, alternative Zeitlinie - der Fliegerheld und Populist Charles Lindbergh wird amerikanischer Präsident anstelle von Franklin D. Roosevelt. Da dieser mit den Nazis eher sympathisiert, greifen die USA nicht in den Zweiten Weltkrieg ein, sondern ebnen in ihrem Land den Weg zum Faschismus. Was wiederum die jüdische Bevölkerung zu spüren bekommt.

Nach einem Roman von Philip Roth, fürs Fernsehen aufbereitet von den beiden Drama-Schwergewichten  David Simon und Ed Burns (The Wire, Show Me A Hero). Entsprechend stark erzählt und in Szene gesetzt ist das Ganze denn auch. Anders als bei "The Man In The High Castle" sind die Nazis nicht rummsda und holla im Land angekommen, sondern setzen das sich schleichend verbreitende Gift der Ausgrenzung und des Terrors gegen die Bevölkerung jenseits des großen Teiches frei.

An der Show kann ich eigentlich nur eines kritisieren: Sie ist zu kurz. Nach sechs Episoden bedrückender Spannung und berührenden Schicksalen, erzeugt und getragen von durchweg hochklassigen schauspielerischen Leistungen, ist der schreckliche Spuk auch schon beendet. Andererseits konsequent, denn das zugrundeliegende Buch erzählt dieselbe Geschichte. Insgesamt eine atmosphärisch dichte Dramaserie, die gerade in diesen Zeiten allen Mahnung und Warnung sein sollte: It can happen here.

GESAMTWERTUNG: 5,40 PUNKTE (gut+)

BETTER CALL SAUL SEASON 5


Mit der unschönen Regelmäßigkeit des Gewinns der deutschen Fußballmeisterschaft durch den FC Bayern München rege ich mich über "Better Call Saul" auf. Weil die Show so viel besser sein könnte, wenn sie auf langweilige Storystränge wie Mesa Verde, Kim Drexler oder anderen eher unspannenden juristischen Kram verzichten würde. Aber es hört ja keiner auf mich. Also stehe ich so Mitte der Staffel vier ganze Episoden hintrereinander dezent mürrisch mit der 4,5 Punkte-Wertung in der Hand durch, um dann von den letzten dreien - beginnend mit dem alles überragenden 5x08: Bagman - von der Couchgarnitur geblasen zu werden. Was für eine Episode, was für ein Ritt! Ich musste danach einen Liter Wasser trinken und bin den Rest des Tages trotz Altherrenblase nicht pinkeln gewesen.

Ja, hinten raus liefern Jimmy McGill und Co. wieder ab. Da verzeiht man auch, dass Mike Ehrmantraut gar kurzzeitig ins Story-Abseits geschoben worden war. Als Konsequenz landet "Better Call Saul" wieder dicke im "gut", verpasst aber erneut höhere Wertungsregionen und wird wahrscheinlich auch in der sechsten Staffel erstmal ausgiebig bejammert.

GESAMTWERTUNG: 5,30 PUNKTE (gut) 

YOUNG SHELDON SEASON 3


Die Abenteuer des jungen Sheldon bewerte ich eigentlich nur noch, weil mein Bruder das weiterhin gucken will. Wobei er übrigens auch meiner Meinung ist, dass die Show wahrlich nichts bietet, was man unbedingt gesehen haben muss. Aber bis eine Serie mal bei ihm durchfällt, muss sie sich schon schwerster Verbrechen an seiner Gesundheit schuldig gemacht haben.

Von 21 Episoden schafften drei Ausgaben des "The Big Bang Theory"-Spinoffs doch die 5 Punkte bei mir, der Rest allerdings ruht tief zwischen befriedigend und durchschnittlich. Plus zweier typischer "Chuck Lorre und die Autoren hatten keinen Bock"-Ausreißer nach unten.

GESAMTWERTUNG: 4,31 PUNKTE (durchschnittlich)

THE SIMPSONS SEASON 31


Zum Abschluss darf ich noch eine der schwächsten Simpsons-Staffeln in der Geschichte des Serienchecks abhandeln. Üblicherweise erwähne ich an dieser Stelle die Episoden namentlich, die ich mit 5 Punkten oder mehr bewertet habe. Diese Auflistung wird dieses Jahr sehr kurz:

S31E14 Bart The Bad Guy  

Das war's. Der Rest in deutlicher Mehrheit und mit gutem Willen noch im befriedigend, aber auch neun Mal nur durchschnittlich bzw. sogar darunter. Naja, wer ernsthaft Geschichten wie "Lisa findet eine neue Freundin, die wie sie in Pferde vernarrt ist" oder gar einen doppelt lahmen Zweiteiler zum Thema "Junger Pfarrer kommt in die Stadt und begeistert mit seiner lockeren Art" auftischt, muss sich da nicht wundern.

GESAMTWERTUNG: 4,20 Punkte (durchschnittlich)

Coming up:

Westworld Season 3
Homeland Season 8 
The Goldbergs Season 7
Rick & Morty Season 4
Modern Family Season 11
Man With A Plan Season 4
Brooklyn Nine-Nine Season 7


Kommentare

  1. "What We Do in the Shadows", "Space Force" und "The Plot Against America" sind alle vorgemerkt. Wo läuft letztere Show? Auf HBO? Werde mal die Augen danach offen halten. Danke für die Tipps!

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  2. "The Plot Against America" ist eine HBO-Serie, in Deutschland läuft es auf SKY (die haben wohl das Abo auf Miniserien). Und wenn es dir so geht wie mir, dann wirst du bei "What We Do In The Shadows" nach dem Auftritt von Mark Hamill sogar kurzzeitig die letzten Star Wars-Filme ausblenden können.

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