Eurovision Song Contest-Check (Stand: 1. Halbfinale)

Bloggerkollege Alph hat schon voranalysiert, ich habe meine Gehörgänge erst jetzt den bisher feststehenden Finalisten ausgesetzt - hier ihre an mein Hirn weitergeleitete, subjektive Meinung:

Armenia:
Hübsches Mädel mit ebenholzfarbenem Haar ist schon mal ein guter Anfang. Die Nummer selbst läuft schön getragen an, ein bisserl Gefiedel, ein bisserl Getrommsel, also wenn man das Ganze nach 35 Sekunden abgebrochen hätte, wäre das einer meiner Favoriten geworden. Letztlich läuft es jedoch auf eine dieser percussiongeilen, osmanisch-bollywoodisch inspirierten Popnummern hinaus. Nichts, was mir richtige Pein bereitet, aber auch nichts, wofür ich meine Punkteschatulle öffnen würde.

Azerbaijan:
Die Nachbarn setzen dem Zuhörer gleich mal eine Opernsängerin vors Trommelfell. Ich mag ja prinzipiell die Arienamseln, wenn es dahinter in der Rhythmusabteilung ordentlich scheppert. Aber hier bekriegen sich zwei Coverboys mit überdramatisiertem Gut-Böse-Singsang, dass man meinen könnte, DJ Bobo hätte wieder eine (seiner alleinigen Meinung nach) tiefböse Rocknummer in die Veranstaltung eingeschmuggelt.

Bosnia & Herzegovina:
Die Frau singt mir schon gleich zu Beginn viel zuviel Text. Sowas verwirrt mich immer. Der Sänger hat zudem etwas von einem brutzig-trotzigen Kind. Aber locker sind sie ja drauf, man erwartet eigentlich, dass die im Publikum Haschpfeiferl rumgehen lassen, da wird die Rasselbande plötzlich laut. Nee, das ist mir dann doch zu sehr Kindergeburtstag. Für Kindergärtnerinnen mit dem Ausbildungsschwerpunkt Hyperaktivenbetreuung aber sicher ein Topsong.

Finland:
Krieger mit wehendem Haar zelebrieren die bekannte Blut-, Schwert- und Leder-Mischung. Ich sehe schon, wie unsere Grand Prix-Gewinnerin Nicole ihre weiße Abendgarderobe einer Rotz- und Wasser-Komplettspülung unterzieht. True Metal beim europäischen Sangeswettstreit hat schon was, auch wenn ich glaube, dass der Musikstil Anfang der Neunziger von Manowar zu Grabe getragen wurde (was ihnen leider noch niemand mitgeteilt hat). Dennoch freue ich mich über jeden Punkt, den die Nordmannen holen, denn dann nominieren die Suomis nächstes Jahr vielleicht Children of Bodom.

France:
Luftig-fluffig mit reichlich Haar, so präsentieren sich heuer die Franzosen. Ich weiß nicht, ob der Mann auch privat so wenig Gesichtsfläche wie möglich zeigt, aber mir gefällt dieser optische Kontrapunkt zu den aufgebrezelten Frauen und Metrosexuellen. Musikalisch ist das darüber hinaus eine recht angenehme, sanfte Ohrenspülung. Ideal für alle, die einen Gegenpol zum harten osteuropäischen Akzent suchen. Darf von mir aus in oberen Regionen landen. Wird es aber mit Sicherheit nicht.
[Edit: live klang das gerade ziemlich bescheiden]

Germany:
Die No Angels mit pathetischem Armausholbewegungs-0815-Pop. Eigentlich ist es ja egal, wo die landen, die kommen im schlimmsten Fall schon bei irgendwelchen Game-, Quiz- oder Unterhaltungsshows unter. Weil ich dieses Castingszeugs aber nicht leiden kann, gibt's von mir wie üblich gar keine Punkte. Ich befürchte nur, dass nach einem verdienten Platz unter den letzten Fünf wieder jemand auf den Gedanken kommt, einen Casting-Euro-Song-Contest ins Leben zu rufen.

Greece:
Die Griechen haben dieses Jahr ihren öligen Standard-Adonis zuhause gelassen und eine harmlose Popschnitte ins Serbenland geschickt. Die Nummer hätte Britney Spears vor 10 Jahren in ihrem Hit-Portfolio gehabt, wenn man die Folklore-Elemente rausgeschnippelt hätte. Ich hoffe, dass der Rock bei dem Mädchen kurz genug ist, um die Aufmerksamkeit vom Song abzulenken. Zusätzlicher Punktabzug für das mehrfache Präsentieren einer E-Gitarre im Video, obwohl man selbige kaum im Song raushören kann.

Israel:
Wo die Aserbaidschaner zuviel machen, kommt der Israeli ja gar nicht in die Puschen. Ohne mich jetzt auf den Text zu konzentrieren, singt der bestimmt wieder über Frieden, Brüderlichkeit und Liebe. Ist ja auch lobenswert, aber bei der Nummer habe ich das Gefühl, dass er alle Auseinandersetzungen auf dieser Erde mit seinem Song weglullen möchte. Meine besten Erfolgswünsche, aber ich mache da nicht mit.

Norway:
Maria hat niemanden, der sie lieb hat und trällert sich deshalb eine Runde Durchhalteparolen aus den Stimmbändern. Das ist aber auch wirklich schlimm. Mir fehlt da wieder der Pepp, das geht mir musikalisch flotter aus den Ohren raus als es reingekrochen ist. Meinen Teddybären würde ich der Kleinen auf die Bühne schmeißen, damit sie was zum Knuddeln hat, aber Punkte kriegt sie keine.

Poland:
Der offizielle Song zur Traumhochzeit, so jedenfalls mein Eindruck nach dem Betrachten des Videos. Wenn Israel, Norwegen und Polen durch einen dummen Zufall hintereinander auftreten sollten, bin ich spätestens jetzt weggedöst. Da können die Haare noch so wallend blond und die Zahnreihen noch so blitzend weiß sein. Die Nummer übt auf mich den Reiz eines Hochzeitsvideos aus, das die Schwiegermama selbst zusammengeschnitten sowie mit Musik unterlegt hat und mit dem sie nun alle Beteiligten im Rahmen eines Videoabends quälen möchte. Was gelingen dürfte.

Romania:
Hurra, hurra, das weiße Klavier und die Geigen sind da! Vielleicht steckt auch irgendwo eine Dame im Abendkleid. Wieder eine dieser Nummern, bei denen ich nicht ergriffen, sondern schläfrig werde. So langsam sehne ich mich fast nochmal nach Eastblock-FastBeat-Pop.

Russia:
Ogottogottogott, hat denn dieses Jahr jemand alle bräsig-lahmen Titel ins Finale durchgewinkt? Nur, weil die letztjährige Siegerin mit einer Ballade gewonnen hat? Ich habe leider diesen Selbsterhaltungsreflex, dass ich sofort jegliche akustische Wahrnehmung abschalte, wenn mich ein Schmusebubi mit hoher Stimme anwimmert. Was genau hier der Fall ist. Sorry, ich bin schon beim nächsten Titel.

Serbia:
Wieder kein Ausbund an Power, aber bei weitem nicht so schlimm wie das, was ich vorher ertragen musste. Wenn einer das Recht hat, auf der "Frau jammert ihren Weltschmerz zu folklorehaltiger Hintergrundmusik hinaus"-Schiene zu fahren, dann das Gewinnerland. Ich würde mal anregen, dass nur die Ausrichter ihren Siegersong hinsichtlich des Tempos und Pathos kopieren dürfen. Mein bisheriger Favorit auf den Titel, mit dem alle Länder östlich von Görlitz im Freistaat Sachsen leben könnten. Alleine schon wegen des keltischen Anteils, den die Iren dieses Jahr nicht hinbekommen haben. Werden die sich ärgern.

Spain:
Gaga aus Espana. Optisch wirft man den Franzosen den Fehdehandschuh hin, musikalisch nervt der Typ mich schon nach den ersten Sekunden. Wahrscheinlich ist der Text wahnsinnig witzig, blöd oder beides. Mir scheint, als wäre hibbelig neben lahmarschig die beliebteste Geschmacksrichtung bei diesem Song Contest.

United Kingdom:
Wer hat da eben Bruce gerufen? Nein, das ist nicht Bruce. Vielleicht das uneheliche Kind von Bruce und James Brown. Kinners, ich sag es ganz ehrlich: mit Funk, Soul und so kann ich normalerweise nix anfangen. Aber ich bin so unendlich dankbar für eine neue Musikrichtung, dass ich die Nummer spontan gut finde. Umso mehr nach der Katastrophe, die die Briten letztes Jahr über den Kanal gelassen haben.

Kommentare

  1. Irland ist raus! DAS finde ich schlimm! Ganz schlimm! ;)

    AntwortenLöschen
  2. Gut für mich, muss ich nix drüber schreiben. Wäre auch nicht positiv für die Iren ausgefallen, mein Höreindruck.

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Spieltagslyrik: Hummels

Spieltagslyrik: Herzlos forte

Spieltagslyrik: Fortuna Zombies