CD des Monats: ALKALINE TRIO - This Addiction

Wenn Punkrocker Restaurants eröffnen würden, könnte man sie schnell an ihren Menüs und dem Verhalten ihrer Bediensteten erkennen. Bei den Sex Pistols beispielsweise sollte die Speisekarte mit großer Vorsicht zu genießen sein: die Spezialsoße des Hauses könnte sich flugs als Mischung aus warmer Körperflüssigkeit und klebrigem Nasenauswurf herausstellen. Der Cocktailbarmann der Toten Hosen mit der fahlen Gesichtsfarbe dürfte sich schon einige Mal an dem Panschpunsch aus Bommerlunder, Altbier und Jägermeister verschluckt, die Ärzte mit Sicherheit die besten Standup-Comedians der Welt als Kellner angestellt haben. Und die von Andrea und Carsten betreuten Slick's Kitchen hätten dank ihres Songs "Cum In My Kitchen" schon den ersten amtlichen Hit auf dem Index der örtlichen Behörde für das Gaststättengewerbe sicher (an dieser Stelle meinen Glückwunsch zum 1-jährigen Relaunch von venue music).

In der Küche des Alkaline Trios um die Herrschaften Skiba, Andriano und Grant hingegen säßen schwarz gekleidete Köche, die beim gramvollen Zwiebelschneiden hofften, auch mal eine Arterie zu erwischen. Der Chef ertränkte seinen Liebeskummer in Zigaretten und Alkohol, mit denen er gleichzeitig auch noch das Mobiliar flambierte. Doch draußen vor den Gästen sprängen die Kellner zu beschwingt eingespielten drei Akkorden von Bein zu Bein und sorgten für Stimmung.

Die Mischung aus melancholischen (desöfteren im krassen Gegensatz zu den aufgefahrenen Melodien stehenden) Texten, einprägsamen Riffs und dem angenehmen Gesang von Matt Skiba und Dan Andriano funktioniert auch auf dem mittlerweile 7. Studioalbum der Chicagoer wunderbar. Der Großteil der Songs pendelt in der üblichen 2:30 bis 3:15 Minutenlänge – perfekt, um auf den Punkt zu kommen. Der Opener „This Addiction“ zeigt direkt die Marschrichtung an: simpler, melodischer Punkrock ohne Schnörkel, wie sie etwa auf dem Output „Crimson“ noch zu finden waren. „Dine, Dine My Darling“ mit dem ersten Wechsel am Mikro schlägt in dieselbe Kerbe, „Lead Poisoning“ bereitet Spaß mit schmissiger Bläsereinlage, bevor mit „Dead On The Floor“ die erste Midtemponummer auf dem Programm steht.

Diese und die übrigen Songs zeichnen sich durch die für die Band typische unwiderstehliche Eingängigkeit aus. Um bei dem Restaurantvergleich zu bleiben: die Jungs köcheln mit Hilfe ihrer songschreiberischen Qualitäten aus ganz einfachen Zutaten kleine Köstlichkeiten zusammen, die einem lange noch an den Geschmacksrezeptoren hängen bleiben. Einziger Wermutstropfen ist nicht etwa das unlecker betitelte „Piss And Vinegar“, sondern die Keyboardbegleitung bei „Eating Me Alive“, die nach dem Abschmecken gerne draußen bleiben hätte dürfen.

Für den Gourmet empfiehlt sich übrigens die Verkostung des limitierten Deluxe-Fresspakets mit zwei Bonus-Songs, vier Akustikversionen und einer DVD mit einem kompletten Konzert. Wohl bekomm’s!

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