CD des Monats: MAGNUM - The Gathering

Ich sitze hier, habe die elektronische Armfessel namens Langzeitblutdruckmessgerät an und warte auf die nächste Aufpump/Mess-Action. Beim Anlegen gab es angesichts der Werte schon wieder freudige "Hui, das ist nicht gut"-Bekundungen seitens der Arzthelferin, aber man ließ mich doch nach Hause. Aktuell lädt das handliche Foltergerät zumindest nach dem ersten Druckaufbau nicht wieder nach, was ich mal als gutes Zeichen nehme. In der Tat dauert der ganze Vorgang erschreckend kurz. Was bedeutet: entweder Bloggen entspannt oder das Ding hat den Geist aufgegeben und auf dem Display steht nur noch die Fehlermeldung "OMG. Does Not Compute. Blood Pressure Explosion.".

Was das alles mit Magnum zu tun hat? Nichts. Obwohl: im Hintergrund höre ich gerade leise "Long Days, Black Nights" und ich bin mir sicher, dass das heute ein verdammt langer Tag werden wird.

"The Gathering" ist ein üppiges Best Of-Box Set, das 35 Jahre des musikalischen Schaffens der britischen Truppe um Sänger Bob Catley und Gitarrist/Songwriter Tony Clarkin umfasst. Klassiker, Single B-Seiten und Outtakes stehen auf der 82 Tracks umfassenden Songliste und wer da für seinen Geschmack nichts findet, ist schlicht und ergreifend gegen den Charme des melodischen Hardrocks immun und insofern meines Bedauerns sicher. Wer zusätzlich zur Musik gerne durch Seiten blättert, darf sich an einem 60-seitigen Booklet austoben.

Für mich war diese Box eine Reise in die Vergangenheit. Mitte der 80er bin ich mit "On A Storyteller's Night" eingestiegen, habe "Vigilante" als Fan gekauft, abgöttisch geliebt und jedem meiner Mitschüler angepriesen bzw. auf Kassette überspielt. Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinem Kumpel jedesmal den Refrain von "When The World Comes Down" zu singen begann, wenn bei der Rückgabe von Klassenarbeiten die Lehrkraft den Notenspiegel an die Tafel malte. Während der Wartezeit auf das nächste Album hörte ich in die Frühwerke "Chase The Dragon" und "The Eleventh Hour" rein, auf denen ich weitere Klangjuwelen für mich entdecken konnte. Noch heute hängen in meinem Zimmer die beiden Poster des Künstlers Rodney Matthews zu "Chase The Dragon" und der Best Of-Kompilation "Mirador", die ich mir während eines Klassenausflugs nach London gekauft hatte.



"Wings Of Heaven" aus dem Jahre 1988 war ein überstarkes Album, mit dem Magnum auch außerhalb der eingefleischten Melodic Rock-Fanszene Beachtung fanden. Dementsprechend sicherte ich mir das Tourposter, als ich in Saarlouis mein erstes Konzert der Band besuchte. Es folgte der schleichende Niedergang. Mit "Goodnight L.A." biederte man sich zu sehr dem amerikanischen Rocksound an, jedes darauffolgende Album hatte ein paar nette Songs, aber auch viele Belanglosigkeiten zu bieten und war insofern weit entfernt von der früheren Hitdichte. So ganz konnte ich von Bob und Tony nie loslassen, verfolgte nach der ersten Auflösung 1995 ihr Projekt "Hard Rain" und diverse Soloausflüge von Bob. Die Reunion 2002 sah ich eher kritisch, mir fehlten die großen Melodien, die Kompositionen wirkten auf mich zu sehr auf alternde Rocker getrimmt, die mitreißenden Rhythmen waren nicht mehr da. Ab und an blitzte wie bei "Brand New Morning" die edle Refraincuisine auf, aber länger haften blieb kaum etwas. Symptome, die übrigens leider auch auf dem letzten Output "The Visitation" auftreten.

Beim Hören von "The Gathering" fielen mir zunächst die Frühwerke angenehm im Ohr auf. "Invasion", "Great Adventure", "In The Beginning" sind neben dem unverwüstlichen "Kingdom Of Madness" vor Spielfreude sprühende ProgRock-Funkenregen. Ein richtiges Fan-Leckerli wartet schließlich auf der letzten der fünf CDs: ein komplettes Konzert aus der "Wings Of Heaven"-Tournee.

Fazit: eine toll ausgestattete Werkschau einer großen Band. Fans kommen voll auf ihre Kosten, Neulinge erhalten alles, was die Faszination und Magie der Band ausmacht, in einem Paket.

Als Hörbeispiel binde ich "Days Of No Trust" ein, bei dessen gerufenem Anfang ich immer "Gisela, weißt du was, ich hab den Cadillac gewonnen - MAGNUM" höre.

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