CD des Monats: TWO STEPS FROM HELL - Invincible

Sie sind vor allem im Sommer stark verbreitet. Sie sollen Leute anlocken, weshalb sie konzentriert, prägnant und kurz ausfallen. Im schlimmsten Fall zeigen sie gleich das Beste vorab und machen so die durch sie beworbene Langfassung langweilig. Beginnt einer von ihnen mit den unheilsschwangeren Worten "In a World..." heißt es für den kundigen Fan, sicherheitshalber vorzeitig Reißaus zu nehmen.

Die Rede ist natürlich von Filmtrailern. Beziehungsweise ihrer musikalischen Untermalung. Wer kennt nicht mindestens einen Film, bei dem der Trailer und die dazugehörige Musik Großes versprach, im Kino aber dann nur Kleines eingelöst wurde? Wer hat nicht schon einmal ehrfürchtig Clint Mansells "Lux Aeterna" gelauscht und wollte sofort die Kinokarte lösen? Und wer hat sich 1999 tatsächlich den Soundtrack zu "Star Wars: Episode 1 - The Phantom Menace" gekauft, nur weil ihm John Williams' neuester Hit "Duel of the Fates" so gefiel und er deshalb Hoffnung auf einen guten Film hatte? Schamvoll hebt der Autor dieser Zeilen dreimal die Hand, nicht zuletzt, weil besagter Soundtrack mittlerweile eine der ungehörtesten CDs seiner Sammlung ist.

Unter dem Namen Two Steps From Hell erschaffen Thomas Bergersen und Nick Phoenix "Music for Motion Picture Advertising", also die Klangwelten zu den Blockbuster-Teasern. Wo altertümliche Sagengestalten aufstampfen, Außerirdische wüten, Piraten grölen oder Superhelden aufräumen und es einer gehörigen Portion WUMMS! im Hintergrund bedarf, sind die beiden Soundtüftler nicht weit. Ihr u.a. bei den Trailern zu Star Trek, Indiana Jones IV, Harry Potter VI, X-Men 3, Watchmen oder Pirates of the Caribbean erprobtes Portfolio steht normalerweise nur Filmschaffenden zur Verfügung, für "Invincible" haben sie allerdings eine Ausnahme gemacht.

Damit ist wuchtige, majestätische und epische Beschallung alltäglicher Erlebnisse auch für uns Normalsterbliche möglich. Wer etwa aus dem mühseligen morgendlichen Aufstehen ein erhabenes Erhebenserlebnis, aus dem Staubsaugen einen heroischen Kampf auf Leben und Tod oder aus dem Baden des Hausigels die Taufe des Biestes zelebrieren will, ist mit den 22 Songs dieser Sammlung bestens bedient. Irgendwo verortet zwischen Wagner, Zimmer und Badelt geht das Orchester - unterstützt durch Chöre oder auch Solo-Singsang - alle Mann nach vorne und lässt nicht locker, bis auch der letzte Heldenherausforderer auf der Strecke geblieben ist. Im Gegensatz zu üblichen Soundtracks sind die Stücke genrebedingt kurz (zwischen 2 und 3 Minuten im Durchschnitt), verlieren sich also nicht in unnötigen Ruhepausen und bringen die musikalische Größe zielgenau auf den Punkt.

Bis dato ist "Invincible" nur als MP3-Download erhältlich (bei amazon aktuell für 8,99 Euro). Als Anspieltipps binde ich den Titeltrack und "Protectors Of The Earth" ein. Und meinem Nachbarn, der mich an den Wochenenden gerne mit Trance-Geheule oder jüngst übelstem Schlager ("Jaja, der Chianti-Wein") überzieht, kündige ich jetzt schon an: ab nächster Woche hebe ich in meinem Garten einen Orchestergraben aus. Dann rummst es zurück!

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