Rumpelstilzchen vor der Phönixhalle

"Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert" sprach einst Colonel John Hannibal Smith und Recht hat der Mann. Denn das Leben ist zu kurz, um Dinge nicht zu schätzen, die nur selten vorkommen. Zumindest bei mir funktionieren nämlich grob geschätzte 99,9% meiner Pläne nicht. Aktuelles Beispiel: die Anreise zu Christoph Maria Herbsts Lesung aus Tommy Jauds "Vollidiot".

Es regnete junge Hunde, als ich in Mainz ankam. Die Veranstaltung war für 20:00 Uhr (Einlass 19:00 Uhr) in der Kupferbergterrasse angekündigt, versehen mit dem kleinen Hinweis, dass bei schlechtem Wetter das Ganze in der Phönixhalle stattfinden sollte. Selbstverständlich auf alles vorbereitet, hatte ich sämtliche Busverbindungen zur Terrasse bzw. zur Halle im Kopf abgespeichert.

18:45 Uhr: alle jungen Hunde schienen mittlerweile unten angekommen, der Himmel sah aber weiterhin latent gebärfreudig aus. Messerscharfe Analyse: da fährt der Ini mal schön zur Phönixhalle.

19:00 Uhr: Ich sitze also an der Bushaltestelle am Hauptbahnhof und merke gerade, dass ich meinen Regenschirm im Hotel habe liegen lassen. Egal, die paar Meter würde ich doch ein paar Tropfen aushalten.

19:15 Uhr: Der Busfahrer reagiert nicht auf mein Signal, an der Phönixhalle aussteigen zu wollen. Die Stimmung ist noch ungetrübt ob dieser Frechheit. Ich steige eine Station später aus.

19:25 Uhr: Wo issen hier die Phönixhalle? Wie immer laufe ich zunächst in die falsche Richtung. Aha, an der Haltestelle gegenüber also. Wo mich auch schon ein Plakat mit einem zusätzlich angebrachten Aufkleber anlächelt. ZUSATZAUFKLEBER! Da geht mein Hirn ja schon in Hab-Acht-Stellung und mein Nebennierenmark köchelt schon mal das Adrenalin vor.

19:30 Uhr: "Verlegt in den Frankfurter Hof. Augustinerstraße. Altstadt."
Ach ja.
Schön.
Schön, dass mir DAS KEINE SAU GESAGT HAT! Es soll Leute geben, die aus der Ferne anreisen und NICHT vorher die Mainzer Innenstadt nach Plakaten abklappern.

19:35 Uhr: Ich stehe an der Bushaltestelle Phönixhalle. Es regnet nun Tierbabys jeglicher Art herunter. Wer um diese Uhrzeit dort war, durfte einen Mann mittleren Alters in Lederjacke im Rumpelstilzchen-Endstadium hin- und herstapfen sehen und altsaarländische Flüche absondern hören. Meines Wissens war aber niemand da, denn Mensch und Bus meiden diese Gegend weiträumig, wie ein Blick auf den Fahrplan bestätigte.

19:46 Uhr: Linie 61 verirrt sich an der Haltestelle fährt vor. Ich frage den Fahrer, wie ich am schnellsten zum Frankfurter Hof komme. Gemahne ihn der Tatsache, dass C.M. Herbst in der Stadt ist. Der Mann ist überrascht und outet sich sofort als Fan. Bringt mich zur naheliegendsten Haltestelle, gibt mir Instruktionen und wünscht viel Spaß. Meine Forderung an die Mainzer Verkehrsgesellschaft: gebt diesem Menschen eine Woche Extraurlaub und erhöht sein Gehalt. Sofort.

19:59 Uhr: Ich finde den Frankfurter Hof und meinen Platz in der vierten Reihe. Geschafft!

20:10 Uhr: Christoph Maria Herbst betritt die Bühne, setzt sich hinter das Pult, grinst in die Menge und meint:
"Ach, hier seid Ihr alle! Ich hab zehn Minuten in der scheiß Kupferbergterrasse gesessen, kein Schwein war da und geregnet hat es auch noch. Da dachte ich mir: gehste mal in die Altstadt und schaust, was im Frankfurter Hof los ist".

Ich hätte am liebsten erwidert, dass es vor der Phönixhalle auch nicht viel weniger scheiße ausgesehen hat. Man muss ihn einfach gern haben, den Christoph.
Review gibt es morgen.

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