Review: Christoph Maria Herbst liest aus Tommy Jauds "Vollidiot", Frankfurter Hof, Mainz

Lesungen sind ja derzeit voll im Trend. Ein Mensch sitzt hinter einem Pult und trägt aus einem Buch vor. Für mich nichts Neues, kam ich doch schon 1990 mit dem Konzept in Berührung.
Ort: Universität Saarbrücken, Buch: Bürgerliches Recht Allgemeiner Teil, Vortragender: Prof. Dr. Elmar Wadle. Nur wäre ich damals nie auf den Gedanken gekommen, dass sich dafür mal eine freiwillig zahlende Kundschaft finden lassen würde.

Das Geheimnis des Erfolgs scheint im Lesestoff und dem passenden Akteur auf der Bühne zu liegen. Christoph Maria Herbst ist meiner Meinung nach einer der besten Schauspieler, die wir momentan im Land haben. Der könnte die Namen aller Saarländer in umgekehrt alphabetischer Reihenfolge vorlesen und es gäbe etwas zum Lachen. Sicherheitshalber hat man ihm jedoch das Buch "Vollidiot" von Tommy Jaud zur Seite gestellt. Falls es beim 582. Neuschwander eben doch langweilig geworden wäre...

Mir war der Stoff völlig unbekannt (hier tun sich wieder Parallelen zur Uni auf), aber sehr schnell konnte ich mich dafür begeistern (hier enden die Parallelen zur Uni). "Vollidiot" handelt von Simon Peters, einem fast 30-jährigen Verkäufer in einem T-Punkt, der dem Singledasein anheim gefallen ist, diesen Zustand ändern will, dabei breitbeinig in alle Fettnäpfchen tritt und an der Welt verzweifelt.

Herbst erfüllt mit seiner Stimme jeden der Charaktere mit Leben, sei es die kroatische Putzfrau Lala, die sumpfhuhngackernde Karrierefrau Dörthe, Simons Kumpel Flik oder -das Highlight des Abends, daher passenderweise im Zugabenteil untergebracht- eine tief brummendes Englisch von sich gebende dominikanische Prostituierte. Wer sich hier nicht vor Lachen wegschmeißt, muss ein eisernes Zwerchfell besitzen. Zur Abrundung noch ein paar innerdeutsche Dialekte wie Hessisch und Ossimännisch - fertig ist die Mixtur für gelungene Unterhaltung. Der Roman selbst ist flott geschrieben, der Humor stellenweise derb, aber doch immer auf zündende Pointen ausgerichtet. Sicher nichts für literarische Feinschmecker, die sich nur über verschwurbelte Andeutungen im Sprachrhythmus ein süffisantes Lächeln abringen können.

Natürlich bleibt es nicht beim sturen Ablesen der Seiten ohne Kontakt zum Publikum, dafür ist C.M. Herbst einfach zu sehr Rampensau. Das stille Grinsen ist eine seiner Geheimwaffen. So wird etwa der eine halbe Stunde nach Beginn den Saal betretende Zuschauer mit einem Blick ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt und dann sanft konfrontiert:
"Ist schon ziemlich spät (Grinsen). Wir ham halb Neun (Grinsen). Schön, dass Sie doch noch gekommen sind. Wir sind jetzt auf Seite 7 von ähm... 700. Aber Sie haben Glück: genau diese Seiten gibt es bei Jamba als Klingelton im Sparabo. Ach wissen Sie was, ich denke, wir könnten eigentlich auch nochmal von vorne anfangen."

Dazu kommt es dann zwar nicht, aber schwupp, hat Herbst die erste Dame erwischt, die mitten in der Vorstellung aufsteht und zur Toilette gehen möchte:
"Och nö. Ist hier gerade eine so schöne Stelle. Danach wird es im Buch eher mittelmäßig. Müssen Sie denn wirklich? Wird das klein oder groß? Hallo? Sie redet nicht mit mir. Na, dann warten wir eben. (Eine Minute Grinsen und Seitenblättern). Tja, das wird mir dann jetzt doch zu lang."

Ich bewundere diesen Kerl für seine verdammte Lässigkeit.
Angesichts dieser Witzchen war es fast ein wenig schade, dass ausnahmsweise mal kein Handy losging, niemand durch lautes Schwätzen auffiel oder eine blond toupierte Hausfrau einen gackernden Lachanfall hinlegte.

Die oben erwähnte Zugabe ("die lese ich immer, dazu bin ich verpflichtet"), mehrminütiger Applaus, dreimal den eingesprungenen Diener vorm Publikum - das war's. Ehrlich: ich hätte mir das noch Stunden antun können und war mit dieser Einschätzung sicher nicht der Einzige im sehr gut gefüllten Saal des Frankfurter Hofs.

Fazit: obwohl ich die Verfilmung nicht gesehen habe - besser als die Lesung kann sie eigentlich gar nicht sein. Das dazugehörige Hörbuch muss ich mir dringend holen, wobei ich immer noch nicht weiß, worin der Unterschied der Ausgabe von 2005 im Vergleich zur Special Edition 2007 liegt. Egal. Der Herbst war da, verzauberte jeden und alles war gut.

Kommentare

  1. Hört sich klasse an! :-)

    Den Herbst würde ich mir auch mal live antun. Wieviel von dem Buch wird bei solchen Lesungen denn vorgetragen? Ein zusammenhängendes Teilstück? Wird gesprungen? Hatte nie vor das Buch zu lesen/hören, aber nun bin ich fast neugierig...

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  2. Herbst liest nicht aus dem Buch selbst, sondern schleppt ein Bündel Seiten mit auf die Bühne. Obwohl ich die Vorlage nicht kenne, wurden wohl jeweils ausgewählte Kapitel komplett vorgelesen.

    Ob das Buch ohne Herbst so genial wirkt, kann ich nicht sagen. Auch gut möglich, dass mir bei dem Hörbuch dann ein wenig das herzhaft mitlachende Publikum fehlt. In jedem Fall kann es für die positive Entwicklung eines Menschen nicht schaden, einmal im Leben C.M. Herbst live erlebt zu haben.

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  3. In einer Lesung fand ich mich noch nicht, denn dass da nicht alles vorgelesen wird und man sich hinterher das Buch kaufen muss, weil man enorm neugierig aus dem Haus gejagt wird, finde ich sowas von gemein ... dafür bleibe ich glühender Anhänger von Hörbüchern ...

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  4. Bei Krimilesungen käme ich dann auch doof vor, wenn man das Ende nicht erzählt bekäme. Aber bei eher komischen Werken geht das schon in Ordnung. Hörbücher habe ich einige zuhause, aber ich weiß einfach nie, wann ich die am besten hören soll.

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