Review: "Johann König eskaliert", Frankfurter Hof, Mainz

"Interkulturelle Woche im Frankfurter Hof" - so kündigte es jedenfalls das Banner auf der Bühne beim Auftritt des Comedians Johann König an. Durchaus passend, denn König bringt dem Zuschauer in der Tat eine höchst eigene Art von Comedy-Kultur nahe. Wo ein Mario Barth etwa sich an seinem ziegengemeckerartigen Stakkato vorrangig selbst berauscht, stehen die Auftritte der depressiven Stimmungskanone aus Köln davon wohltuend abgegrenzt unter dem Motto: "Hat eigentlich keinen Bock, macht aber trotzdem mal".

Ich erwischte -bei freier Platzwahl- trotz relativ späten Eintrudelns am Ort (Details über meine diesmaligen Irrfahrten werde ich wohl irgendwann in einem eigenen Kompendium veröffentlichen) einen exzellenten Platz in der dritten Reihe. Wahrscheinlich wollte außer mir auch niemand hinter dem Pärchen sitzen, das vor Beginn und in der Pause des "Konzerts" (eigene Einschätzung des Künstlers) mehr Speichel untereinander austauschte, als ich in meiner gesamten fußballerischen Karriere auf den grünen Rasen gespuckt hatte.

Was macht Johann König nun so besonders?
Der Mann leidet auf der Bühne.
Zusammen mit seinem Publikum.

Und das nicht nur wegen Call-In-Shows, dem renovierenden abendlichen Fernsehschrecken, dicken und gleichzeitig doofen Menschen ("Früher waren Dick und Doof noch zwei Personen") oder modischen Trends wie Nordic Walking, die alle in den kommenden zwei Stunden im brechend vollen Frankfurter Hof thematisiert werden. Vor allem leidet er auch unter seinen eigenen Gedanken, den von ihm immer wieder eingestreuten, fremdschämig simplen Gedichten und den allseits gefürchteten drei Musikeinlagen im Programm.

Da verwundert es kaum, dass der Poet unter den Comedians zum zweiten Teil seiner Show mit einem Teller heißer Suppe auf die Bühne trottet und schon mal ein Verhandlungsgespräch über ein frühzeitiges Ende des Auftritts initiiert ("Sie wollen doch auch nach Hause...").

Mit der Dynamik von sich paarenden Nacktschnecken schlurft die Reimmaschine vom Rhein über die Bühne und nölt sich durch geniale Marketing-Ideen ("Klingeltöne für Fahrräder. Schon mal drüber nachgedacht?"), doziert über den ihm fachfremden Bereich der Erotik, berichtet von seiner Katze Hekto-Pascal, die er nach dem Flatrate-Saufen desöfteren "anbricht" oder wirbelt schreiend komisch altbekannte Redewendungen durcheinander. Denn wie meinte schon ein begeisterter Fan nach einem seiner Auftritte: "Herr König, ich muss Ihnen sagen, Sie haben meinem Leben wieder den Rest gegeben".

Insgesamt eine köstliche Vorstellung mit durchgehend hohem Lachfaktor und lediglich einem kleinen Hänger, als Johann sich kurzzeitig auf seinem Tisch schlafen legte. Voraussetzung für das Vergnügen ist jedoch, dass man sich auf eine Art von Humor einlassen kann, die viel mit peinlicher Berührtheit einhergeht.


P.S.
Wer wissen will, ob und wie Johann König eskaliert, sollte sich Karten für einen Auftritt oder alternativ die demnächst erscheinende DVD zulegen und bei der reichhaltig speichelhaften Disco-Tanzeinlage des Meisters und seiner 9Live-Live-Imitation ganz, ganz tapfer sein. Das Speichelaustausch-Pärchen vor mir war jedenfalls auch begeistert.

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