CD des Monats: RAMMSTEIN - Liebe Ist Für Alle Da (Ohne böses Lied-Version)



[Nach diesen erzieherisch wichtigen Worten nun zu etwas komplett Anderem]



Provokant, schockierend, für die ältere Generation schlichtweg ekelhaft:
Rammstein lassen auf ihrer neuen CD blasen.
Und zwar ordentlich.
Gleich bei mehreren Liedern ertönen orchestrale Blechblasinstrumente, was mir im Zusammenspiel mit den harten Riffs aber richtig prima gefällt. Überhaupt hatte ich die sechs ostdeutschen Industrialbrachialiker seit ihrem letzten Album eigentlich abgeschrieben und bei der Singleauskopplung angesichts der platten angelsächsisch/germanischen Lyrics das Bedürfnis, mich vor Scham sechs Fuß tief in die Erde graben zu wollen. Von daher ging ich mit extrem niedrigen Erwartungen an die CD und sollte angenehm überrascht werden.
Klar, wer die Band noch nie leiden konnte, wird mit Sicherheit auch nach dem Hören von Liebe ist für alle da kein bekennender Fan. Große Änderungen am Erfolgsstrickmuster gibt es nämlich selbstverständlich nicht. Brummende Stimme, rollendes R, runtergestimmte Gitarren, den knochentrockenen Sound auflockernde Keyboards, teils dezent unappetitliche Texte und das Cover wird bestimmt von einigen entrüsteten Vorzeigepädagogen demnächst auf RTL aktuell kopfschüttelnd beweint werden. So weit, so bekannt, letzten Endes geht es aber um die Songs und die haben nach der enttäuschenden Resteverwertung auf "Rosenrot" endlich wieder etwas Packendes, Pulsierendes, man fühlt sich an beste "Sehnsucht" und "Mutter"-Zeiten erinnert.

"Waidmanns Heil" verströmt die ungebändigte Power eines "Feuer frei", mit "Haifisch" zollt man von der Melodie her den verehrten Depeche Mode, vom Text natürlich Mackie Messer Tribut. [Böses, böses Lied] verbindet kranken Text mit eingängigem Refrain: man singt mit, obwohl man eigentlich Igittigitt denkt. Das ist ein bisschen so, als würde man sich "Hostel" oder "Saw" anschauen und dabei flammende Liebesgedichte fürs Poesiealbum schreiben - halt typisch Rammstein. Im Gegensatz zu früher beherrschen die Burschen nun auch das getragene Pathoslied. "Frühling in Paris" wird mit Sicherheit zwar ungezählten Französischlehrerinnen und Edith Piaf-Freunden den jähen Herztod bescheren, ist aber sehr stimmungsvoll geworden. Noch besser allerdings gefällt mir "Roter Sand". Bisher hatte ich bei Rammstein-Alben immer Angst vor der Abschlussnummer, aber diese ist wirklich überragend gut gelungen. Alleine für die erfolgreiche Wiedereinführung der gepfiffenen Melodie in die Rockmusik, (was seit "Wind of Change" musikalisch eigentlich mit der Todesstrafe bewehrt war) sollte man Respekt zollen. "Mehr" mit seinem auf die Raffgier gemünzten Text fängt ruhig an, fährt das standardmäßig schwere Riff auf, geht aber schließlich noch in einen hymnischen Teil über.
Der Rest ist gewohnt satt-krachend mit Schmackes im Liedgut, ohne langweiligen Moment und fast ohne peinlichen Aussetzer. Beim "Rammlied", "Wiener Blut" oder dem Titelsong rumpelt und grollt es zufriedenstellend, was ebenso gilt für "B********", doch hier haben wir sogleich den peinlichen Aussetzer #1: denn "B********" steht für Bückstabü, was wiederum eine Wortneukreation ist und freilich was furrrchtbar Böses sein soll. Naja. Über den Text der Singleauskopplung schließlich legen wir weiterhin schnell den Mantel des Vergessens, das Musikgerüst an sich ist dagegen gar nicht so schlecht.

Fazit:
Die beste Rammstein seit "Mutter". Wer den Stil mag, kann wieder unbesorgt in die Rammdampflok einsteigen. Der Rest darf wie gewohnt einen Eiertanz darum aufführen und nicht anerkennen wollen, dass Rammstein die aktuell international erfolgreichste deutsche Band sind - und nach diesem Album auch bleiben werden.

Kommentare

  1. Vielleicht haben die sich die Bläser ja bei diesem anderen deutschen Sänger abgehört, wie heißt er noch gleich? Macht Hip-Hop mit Orchestern. Englischer Name. Zu faul, um das zu googlen.

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  2. Bin gerade auch zu faul, möchte aber darauf hinweisen, dass ein bisschen Orchester noch nie jemandem geschadet hat.

    Mehr Waldhorn in der Rockmusik!

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