Der gewonnene Mr. Keane

Bei einem gewonnenen PC-Spiel meckert man nicht zu viel. (nochmal ein Dankeschön an alle, die seinerzeit für mich abgestimmt haben)

An diese von mir soeben erfundene Weisheit würde ich mich selbstverständlich niemals halten, wenn es besonders viel zu bekritteln gäbe. Dummerweise gibt es an Jack Keane, dem neuen Werk von Deck13, wirklich wenig herumzumäkeln. Aber keine Angst, ein bisschen was habe ich doch noch gefunden.

Jack ist ein zur Kolonialzeit wenig erfolgreicher Kapitän zur See, der mit drückenden Schulden, einer unzufriedenen Crew und einem schäbigen Kutter geschlagen ist. Wie passend, dass er just einen Auftrag an Schiff ziehen kann, für den er einen Agenten der königlichen Majestät von Kapstadt nach Indien, genauer gesagt, einer Insel namens Tooth Island bringen soll. Dort angekommen, entspinnt sich eine herrlich abgedrehte Geschichte um den größenwahnsinnigen Doctor T., der flintenbewehrten Amerikanerin Amanda, fleischfressenden Pflanzen, zu Bomberpiloten ausgebildeten Affen und einer zum Gelingen verdammten Hochzeit.

Die Macher der Ankh-Reihe zeigen auch bei ihrem neuesten Werk, dass sie die Grundprizipien für ein gutes Adventure verinnerlicht haben. Die Rätsel sind sehr gut in die Geschichte eingebettet und fast durchgehend nachvollziehbar. Ich selbst hing an zwei bis drei Stellen, aber die nicht allzu weit ausufernde Spielwelt in den insgesamt 13 Kapiteln und die stets überschaubar bleibende Zahl der Gegenstände im Inventory sorgen dafür, dass man als Spieler nicht verzweifelt. Geht es einmal nicht voran, helfen die goldenen Regeln des Abenteurerdaseins: mit jedem reden, die Umgebung milimetergenau durchsuchen, nochmal jeden in die Quatschmangel nehmen und als ultima ratio einfach Gegenstände wahllos in der Landschaft einsetzen oder zusammenpfriemeln. Die Spieldauer selbst ist zudem erfreulich lang ausgefallen.

Als hochwertig ist die Vertonung der Charaktere einzustufen. Jack spricht mit der Synchronstimme von Johnny Depp, während dem überragend inkompetenten Agenten Montgomery durch die hochnäsig intonierte deutsche Stimme von John Cleese Leben eingehaucht wird. Auch der Rest der Besetzung erledigt seinen Sprechjob professionell und passend. Humor ist ebenfalls vorhanden, zu Beginn ein wenig flach, später deutlich besser ausgeprägt. Ich finde es in jedem Fall lobenswert, wenn sich ein Adventure der schwierigen Aufgabe stellt, den Menschen vor dem Monitor ein Schmunzeln aufs Gesicht zu zaubern.

Findige Abenteurernaturen dürfte es erfreuen, dass sich manche Rätsel alternativ lösen lassen und eine besonders akribische Vorgehensweise gar mit Bonuspunkten belohnt wird. Diese Bonuspunkte schalten eine Figurengalerie frei oder ermöglichen es, das Spiel im historischen Modus (also im Trostlosbraun-Look) zu genießen. Eine nette Idee, die zum nochmaligen Spielen animiert, zumal eingesammelte Boni unabhängig vom Spielfortschritt gespeichert werden. Wer also durch ist, kann einen früheren Spielstand laden und sich auf die Suche begeben.

Ab jetzt wird dezent gemeckert: die Grafik ist an manchen Stellen schon arg eckig und kantig geraten. Für die Gesichter der Figuren hat man sich hingegen sehr viel Mühe gegeben, genauso wie für einige Örtlichkeiten auf Tooth Island. Es bleibt allerdings der Nachgeschmack, dass sich seit Ankh 1 auf dem Gebiet der Grobpixelminderung wenig getan hat. Genervt hat mich auch, dass viele Animationen dürftig in Szene gesetzt oder gar vollkommen weggelassen wurden.

Wenn beispielsweise der Hotelbesitzer wegen meiner Sabotage seinen hochgeschätzten Auszeichnungsstern am Empfang selbst demontiert, dann will ich eine schöne Zwischensequenz mit großen Augen und Gejammer und nicht einfach nur ein schnödes Aufploppen des Sterns auf dem Boden. Schließlich gibt es nichts Motivierenderes für einen Abenteurer, als sein Tun durch eine sauber inszenierte Szene belohnt zu sehen.

Fazit:
Trotz einiger kosmetischer Ungereimtheiten das zur Zeit beste Adventurespiel aus deutschen Landen. Absolut empfehlenswert. Ich freue mich schon auf Ankh 3.

Kommentare

  1. Und meins ist angeblich immer noch unterwegs... Laut den Fuzzis hat man aus Versehen vergessen, das Spiel zu schicken, und jetzt warte ich, und warte, und warte... Es bleibt spannend.

    Aber schön zu hören, dass sich das Warten lohnt.

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  2. Das ist kein Versehen mehr, das ist Majestätsbeleidigung! Halte mich auf dem Laufenden...

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  3. Darf ich mal dezent darüber lamentieren, dass ich aber mal so gar keine spieletaugliche Kiste mehr habe? Mein Blechkumpel lässt mich nur noch hin und wieder mal ins Internet und streikt ansonsten mit seiner schwache Hardwarebrust bis die Welt untergeht. Ungerecht.

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  4. Ich fühle mit dir.
    Die Hardwareanforderungen gerade auch für Jack Keane sind für ein Adventure ziemlich heftig. Was kommende Highend-Geballere angeht, werde ich sehr genau beobachten, ob die Spiele wirklich eine Aufrüstung wert sind.

    Wenn dein Rechner dich aber nicht mal mehr ins Netz lässt, würde ich mal ein ernstes Wörtchen mit ihm reden.

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  5. Klingt gut. Würde auch einmal wieder gern ein schönes Adventure spielen, doch leider befürchte ich, dass meine Kiste da auch nicht mehr mitmacht.

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