Eurovision Song Contest-Check 2009

Samstag Abend ist es wieder soweit!
Es wird geeurovisionssongcontestet, wie es auf Neudeutsch heißt.
Weil grandprixen bekanntlich schon seit Jahren voll out ist.
Diesmal wieder am Start und mit 50%-igem Stimmenanteilswert: die gute, alte Jury, wahrscheinlich bestehend aus Musikwissenschaftlern, Kulturbeauftragten, Pädagogen und anderen schwer gelangweilten Menschen. Mich hat natürlich wie üblich niemand beauftragt, aber im Dienste des musikhörenden Teils der Leserschaft dieses Blogs salbadere ich ein paar Zeilen zu jedem Finalteilnehmer.

01 Lithuania
Gleich zu Beginn schon die volle Klavierschmachtfetzenbreitseite. Junger Mann mit apartem Hut findet Gewalt gegen Kinder gar nicht gut. Da würde ich thematisch nicht widersprechen wollen. Solo-Boyband trifft auf Betroffenheitsgeheule, fehlt eigentlich nur noch, dass im Hintergrund Detlef D! Soost seine schwere Kindheit nachtanzt. Immerhin blitzt mal kurz die Gitarre auf, aber retten kann die auch nix.

02 Israel
Eine einzigartige arabisch-israelische Kooperation mit- (und nicht gegen-)einander singender Frauen. Natürlich wollen wir alle Frieden im Nahen Osten. Wobei in diesem Fall das Material für appellhafte israelische Eurovision-Beiträge wohl auf Jahre hinaus ausgehen würde, das bitte ich zu bedenken. Die Nummer wird sicher ein paar Herzen erwärmen, ich finde sie in ihrer Unaufdringlichkeit sogar recht angenehm.

03 France
Frau Kaas ist bekanntermaßen Botschafterin des Saarlandes, eine große Chanteuse sowieso und wenn ich jetzt was Falsches schreibe, werde ich in die Pfalz ausgewiesen, was wir doch mit Sicherheit alle nicht wollen. Vor allem ich nicht. Ist halt ein schwermütiger Chanson, handwerklich einwandfrei geschrieben und vorgetragen. Meine ehemalige Französischlehrerin wird bei der Nummer wahrscheinlich vor lauter Erregung drei Rotweingläser auf Ex runterkippen und mindestens 50 Mal für sie abstimmen. Während die Franzosen im Falle einer schlechten Platzierung endgültig gegen die Veranstaltung aufbegehren und nächstes Jahr ein Schild mit der Aufschrift "Imbéciles! Crétins! Monstres!" auf die Bühne stellen.

04 Sweden
Die Schweden, nein, du fasst es nicht, mit einer langbeinigen Blondine. Wer hätte jetzt darauf wetten wollen? Die Frau ist auch noch Mezzo-Sopranistin, aber leider hat sie die falsche Hintergrundmusik zugelost bekommen. Zu gepflegtem Geknödel passen nur Streicher und tiefgestimmtes Metallgeschrubbe als Beilage, das weiß doch nun wirklich jedes Kind. Pop geht nicht. Gar nicht. Das passt so gut zusammen wie Jazz und Kirmestechno. Uppsala, das war wohl nix dieses Jahr.

05 Croatia
Aaah, die ersten folkloristischen Klänge umspielen mein kaltes Herz. Da wird der Ostblock wieder toben, der Balkan ausflippen und ich mir zur Beruhigung irgendwas aus dem Kühlschrank suchen gehen. Geschätzte drei Minuten lang.

06 Portugal
Das ist jetzt auch traditionelle Musik, die mir aber um einiges mehr ins Ohr geht und hängen bleibt. Vielleicht liegt es am Akkordeon, den kecken Flötentönen, der lässigen Beschwingtheit, aber das entlockt mir doch tatsächlich ein leichtes Mitschunkeln in der Fußspitze. Darf gerne in die vorderen Ränge kommen. Ich hab das Video eben sogar nochmal gestartet, um reinzuhören!

07 Iceland
Yohanna aus Island konnte schon singen, bevor sie sprechen konnte! So preist ihre Biografie die blonde Isländerin an. Pah, das konnte ich auch, ist alles doch nur eine Frage der Begriffsdefinition. Meine frühkindlichen Ian Gillan-zu-Deep-Purple-Zeiten-Imitationen waren über die Hausgrenzen hinaus gefürchtet. Aber ich schweife ab. Ballade. Abendkleid. Streicher. Tut nicht weh. Wird in der Masse ziemlich sicher untergehen.

08 Greece
Griechenland heuer mit einer elektrobeathochgezüchteten Popnummer ohne jeglichen folkloristischen Unterbau, das schockiert mich schon ein wenig. Da dürfte sich Costa Cordalis vor Gram in die Panflöte stürzen. Aber die Kids werden sie damit zum Voting locken, denn der Typ ist Griechenlands Überpopstar und sieht gar nicht mal so schmierig-adonishaft aus wie die üblichen Vertreter seiner Zunft. Die Nummer bekehrt mich jetzt zwar nicht zur Diskokugel, aber ich habe schon Schlimmeres gehört. Wenn die Jury es nicht zu verhindern weiß, könnte das vorne landen.

09 Armenia
Ethno-Pop, bei dem mir die Tröten zu Anfang schon gleich die Plomben im Gebiss locker blasen. Das Damenduo überzeugt mich mit seinem gekünstelt wirkenden Gesang schon mal nicht und die englischen Textzeilen hat man wohl sorgfältigst aus einem Kindergedichteband zusammengebastelt.

10 Russia
Wenn ich jetzt nur auf den Namen der Schauspielerin käme, an die mich diese Russin erinnert. Dieser traurig bedröppelte Blick, das schwarze Haar, die dünnen Augenbrauen - ich komm nicht drauf. Ebenso habe keine Ahnung, wer oder was dieses Mamo ist, aber es scheint unserer Anastasia zum Ende des Songs hin doch schwer zuzusetzen. Ich muss da spontan ein wenig an Heintje und Mama denken. Sympathischer als die hochglanzpolierte und seelenfreie Nummer vom letzten Jahr ist es allemal, aber begeistern tut es mich nicht. Das Mädchen singt mir stellenweise zu tief. Das kann ich nur bei "Swing Low Sweet Chariot" ertragen. Moment, jetzt habe ich die Schauspielerin! Prinzessin Vespa aus "Spaceballs", Daphne Zuniga.

11 Azerbaijan
Clever, diese Aserbaidschainer. Erstmal ganz keusch traditionell trällern, hoffen, dass die konservativen Musikliebhaber schnell genug abstimmen und dann die schwere Synthie-Ethno-Beat-Nummer auffahren, dass der Kaukasus wackelt. Wieder muss ich anführen, dass das für tanzbaren Pop gar nicht schlecht gemacht ist, nicht ohne gleichzeitig dramatisch anzumahnen, bisher noch keinen Rocksong gehört zu haben *schnüff*

12 Bosnia & Herzegovina
Regina sind eine Band, dazu ohne weibliches Mitglied, da hat sich einer wirklich keine großen Gedanken über den Namen gemacht. Schwermütige Militärmarschmusik, über die ein bisschen Folklore regnet, wäre mein erster Eindruck gewesen. Sowas würden die Israelis niemals antreten lassen. Aber gar nicht übel, mir gefällt diese Getragenheit im Songaufbau. Mit englischem Text würde ich mir das sogar nochmal anhören.

13 Moldova
Moldawisches Jodeln für Fortgeschrittene gleich zu Anfang, so erobert man mein Herz. Nicht. Komischerweise ist die Nummer am besten, wenn nicht gesungen wird. Die Bläserfraktion ist ganz klar der Star und wird im Video deshalb sicherheitshalber fast immer schamhaft verdeckt. Dabei könnte ich mir die Jungs gut auf Tour vorstellen, vielleicht kann man bis zum Auftritt die hibbelige Rothaarige ja auch noch rausschneiden.

14 Malta
Gehört zu jedem Eurovision Contest wie dauergrinsende Moderatoren und Ralph Siegel: die leicht übergewichtige Künstlerin mit dem großen Herzen und der großen Stimme, die natürlich eine erhebende Ballade zum Besten gibt und am Ende die Stimmbänder so beeindruckend kreisen lässt, dass man keine spindeldürren Luder mehr ansehen geschweige denn anhören möchte. Gefällt und darf gewinnen. Yohanna aus Island wird sich ärgern, dass sie nicht rechtzeitig zugenommen hat.

15 Estonia
Also, Cello finde ich schon mal richtig gut, wegen Apocalyptica und so. Leider säuseln und gurren mir die 6 Girlies aus Estland dann aber doch die Aufmerksamkeitsspanne durch. Wie bei den Moldawiern ist der Instrumentalpart noch der beste Teil des Ganzen.

16 Denmark
Ronan Keating hat an diesem Lied mitgeschrieben, das hört man denn auch durch. Fluffiger Pop mit Alibi-Rockgitarren. Nein, das lasse ich nicht als Rocksong durchgehen. Harmlos, leicht, beschwingt die Hausfrau sanft beim Bügeln. Ja, ich würde mich als Beifahrer jetzt nicht aus dem Autofenster stürzen, wenn es im CD-Player liefe. Lauter drehen würde ich es aber genausowenig.

17 Germany
Alex swings, Oscar sings, no one wins. Was war eigentlich das Anforderungsprofil für diesen Titel? Mit Swing gingen wir doch schon vor zwei Jahren baden (die Dänen letztes Jahr), aber Roger Cicero war wenigstens lässig und authentisch. Weshalb er jetzt wohl auch konsequent gegen einen aalglatten Perlweißgrinse-US-Boy mit weit aufgeknöpftem Hemd ausgetauscht wurde, der auf mich in seiner unwiderstehlichen Gegeltheit den Eindruck macht, als würde er halbtags in Las Vegas alten Frauen die Jetons aus dem Handtäschchen charmieren. Noch ein Wummwumm-Beat druntergelegt und fertig ist die neueste Nullnummer made in Germany. Spätestens die Stepptanzeinlage und das Dubiduwapp-Skiddledididdledibo zerstören die letzte Hoffnung, dass das Ganze sich noch in irgendwas Mambo No.5-artiges retten könnte. Da müssen der strippenden Dita von Teese schon rein zufällig die bleichen Glocken aus dem Dekolleté hüpfen, damit das hier bleibende Aufmerksamkeit erlangt. Nächstes Jahr vielleicht mal Bebop mit James Last und Trance-Beat im Hintergrund?

18 Turkey
Die türkische Brütney heizt mit frenetisch-orientalischem Dancebeat der tobenden Menge junger geschlechtsreifer Osmanen ein. Ist sie nicht schön, ist sie nicht heiß? 12 Points from Germany, ruf an für dein bauchfreies Traumgirl! Ich hingegen sehne mir die Rocker des letzten Jahres zurück.

19 Albania
Ach, wie goldig. Minderjähriges naives Ding aus Albanien träumt vom Sieg beim Eurovision Song Contest, weil sie in Englisch immer eine 2+ kriegt, dieses Jahr sicher keiner auf die Idee kommt, mitten in den modernen Dancebeat ein crazy traditionell-heimatliches Gedudel zu mischen und ihr Produzent die alten Drumsounds von Modern Talking billig aufgekauft hat. Und um Mitternacht erscheint Thomas Anders und entführt sie auf seine Burg, weil sie so wundersupitoll war.

20 Norway
Der norwegische Wunderbursche mit der Fidel, der seine Songs selbst schreibt, einen Kinofilm dreht (noch nicht selbst, sondern als Darsteller, aber wer weiß...) und insgesamt sehr sympathisch rüberkommt. Da dürften Millionen besorgter Elternaugenpaare desillusioniert auf den Nachwuchs im Nebenzimmer schauen, der seit Stunden am Nachrappen der komplizierten Songs von Sido und Bushido scheitert. Eine wirklich charmante Nummer, der selbst ich alter Griesgram mich nicht entziehen kann. Größter Pluspunkt: kein Beatgewummer, sondern ins Ohr gehende, handgemachte Musik.

21 Ukraine
Und direkt das Gegenteil hinterher. Percussiongeilheit zum Anfang, gefolgt von der Frage, ob das Englisch ist, was die Frau da singt. Danach überproduziert bis zum Abwinken. Bläser, Beats aller Couleur, noch mehr Percussion, Elektrosounds - irgendwo in der Ukraine muss ein Tonspuren-Ausverkauf gewesen sein. Da will ich glatt nochmal den Norweger hören.

22 Romania
The Balkan Girls - bei dem Titel kriege ich schon Angst, ohne auch nur eine Note gehört zu haben. Und es kommt wie zu befürchten war. The balkan girls like to party like nobody, like nobody. Die musikgewordene Paris Hilton aus Rumänien. Sonderpunkte für den Humor, der in den Lyrics durchbricht: my hips are ready to glow, this record is so hot and i have so much to show. BRÜLLER! Ich kann nimmer, habe den Song mehrfach unterbrechen müssen, um mich auszuschütten. Live kann das nur gut werden, wenn ich besoffen wäre und zuviel Geld hätte, würde ich das glatt wählen.

23 United Kingdom
"It's my time", whitneyhoustet die junge Dame ins Mikro, dann setzt das Orchester ein, bevor die glockenhelle Stimme sich zum Ende hin fast zu überschlagen droht. Die ultraklassische "Ich bin hübsch und sing mir die Seele aus dem Leib"-Nummer, die schon seit Jahren nicht mehr beim europäischen Sangeswettstreit zieht. Heute laufen solche Titel nur noch, wenn man aussieht wie Paul Potts oder Susan Boyle. Ja, es ist schön eingesungen, wird aber keinen Erfolg haben.

24 Finland
No metal from Finland. Stattdessen lupenreiner Europop. Wenigstens haben sie einmal kurz einen verzerrten Gitarrensound eingebaut. Nein, ich kann das nicht unterstützen und nicht gutheißen. Wenn Finnland damit gewinnt, schicken die nie eine Melodic Death Metal-Truppe zu dieser Veranstaltung. Ich nehme aber auch an, dass das osteuropäische Publikum eher für die Ethno-Beats aus der Umgebung votiert als für den westeuropäisch geprägten Clubsound.

25 Spain
Hätte man mir diesen Beitrag zusammen mit denen aus sagen wir mal Aserbaidschan, Türkei oder Armenien vorgespielt, ich hätte gedacht: "Schade, die Spanier sind dieses Jahr ja gar nicht dabei". Wahrscheinlich war man sich sicher, dass am Ende eh was aus dem Osten gewinnt und will sich jetzt ganz gewitzt in die Stimmenphalanx einmogeln. Oder die anderen Länder in eine schwere Identitätskrise stürzen. Ich bin gespannt, ob dieser Plan aufgeht. Und frage mich, ob nächstes Jahr Mazedonien mit einer Flamenco-Kapelle auftritt.

Kommentare

  1. Wie schon gesagt, Norwegen sollte gewinnen, von mir aus auch Portugal. Der Rest ist mir recht egal. ^_^

    AntwortenLöschen
  2. [Nächstes Jahr vielleicht mal Bebop mit James Last und Trance-Beat im Hintergrund?] - Ich lachte

    AntwortenLöschen
  3. Absolut versehentlich klickte ich gestern in diese Veranstaltung rein und zwar genau dann, als so ein seltsames Wesen in einem silbernen, glitzermden, knallengen Beinkleid über die Bühne wuselte ... vor lauter Schreck hab ich sogar vergessen zuzuhören, diese Fähigkeit setzte erst einige Sekunden später wieder ein ...

    Beim Schnelldurchlauf dachte ich noch, dsss in diesem Jahr gar niemand völlig daneben gesungen hat, dass deshalb die Chancen groß sind, dass einer der hinteren Ränge nicht wieder frei gegeben werden würde ...

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Drehbuchidee

Weihnachtsnachklapp 2016